Zum Inhalt
Zwei Gelehrte um 1815 lesen bei Kerzenlicht in alten Chroniken, aus dem Buch steigen Schemen auf: ein Pfeifer mit Kindern, eine Frauengestalt und ein Turm im Fluss

Die „Deutschen Sagen“ der Brüder Grimm: Woher die 579 Sagen kommen

Neben ihren Märchen haben die Brüder Grimm auch Sagen gesammelt, 579 Stück in zwei Bänden. Darin stehen der Rattenfänger von Hameln, Frau Holla und der Mäuseturm bei Bingen. Wie die beiden gearbeitet haben und woher sie ihre Geschichten hatten, erzählen sie selbst in ihren Vorreden.

Wissen · Grundwissenerschienen am 15. Oktober 2026

Die kurze Antwort

Die „Deutschen Sagen“ der Brüder Grimm erschienen in zwei Bänden, der erste 1816, der zweite 1818.1 Zusammen enthalten sie 579 nummerierte Sagen.23 Im ersten Band stehen vor allem Sagen, die an einen Ort gebunden sind, im zweiten solche, die an die Geschichte anknüpfen.4 Jacob und Wilhelm Grimm wollten vor allem mündliche Erzählungen sammeln, griffen aber oft auf alte Bücher und Chroniken zurück.56 Für den zweiten Band schrieben sie selbst, nur die wenigsten Geschichten stammten aus mündlicher Überlieferung.6

Wer waren die Sammler?

Jacob Grimm wurde 1785 in Hanau geboren, sein Bruder Wilhelm 1786, ebenfalls in Hanau.78 Von 1816 bis 1829 arbeiteten beide als Bibliothekare in Kassel.19 In Kassel sind auch beide Vorreden datiert. Unter der ersten steht „Cassel, am 14. März 1816“,10 die zweite stammt vom 24. Februar 1818.3

Angefangen hatten sie viel früher. Die Sammlung hätten sie schon vor etwa zehn Jahren angelegt, schreiben sie 1816.5 Ungefähr zur selben Zeit begann auch ihre Arbeit an den Märchen. Nach Angaben der GRIMMWELT Kassel fingen die Brüder 1806 an, von Kassel aus Märchen zu sammeln.11

Wie viele Sagen stehen in den „Deutschen Sagen“?

Der erste Band reicht von Nr. 1 „Die drei Bergleute im Kuttenberg“ bis Nr. 362 „Die drei Alten“.2 Der zweite zählt einfach weiter, von Nr. 363 „Der heilige Salzfluß“ bis Nr. 579 „Die Gräfin von Orlamünde“.3 Das macht zusammen 579 Sagen.

Die Aufteilung war Absicht. In den ersten Band nahmen die Grimms die Sagen, die mehr an einen Ort gebunden sind. Die mehr geschichtlich gebundenen legten sie für den zweiten Teil zurück.4 Dort geht es um Goten, Langobarden und Franken, um Karl den Großen, die Welfen und die Landgrafen von Thüringen und Hessen.3

Woher hatten die Grimms ihre Sagen?

Ihr Wunsch war klar. Sie wollten „vor allen Dingen mündliche, lebendige Erzählungen“ bekommen.5 Daneben nutzten sie Bücher aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die damals schon selten wurden. Ihre wichtigste geschriebene Quelle war Johannes Prätorius, ein Autor, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts schrieb.5

Bei jeder Sage geben die Grimms an, woher sie stammt. Schlag den ersten Band auf, dann siehst du die Mischung gleich auf den ersten Seiten. Bei Nr. 1 steht „Mündlich in Hessen“, bei Nr. 3 „Mündlich, am Harz“.12 Die fünf Sagen über Frau Holla, die direkt danach folgen, stammen dagegen alle aus Büchern. Genannt werden unter anderem eine Beschreibung des Meißners, gedruckt 1799 in Kassel, mehrere Schriften von Prätorius und eine thüringische Chronik.12

Mündlich zu sammeln war mühsam. Auf Briefe mit der Bitte um Beiträge komme „wenig oder nichts“, schreiben die Grimms. Erst müsse eine Sammlung als Muster zeigen, worauf es ankommt.13

Beim zweiten Band sagen sie es ganz offen. Sie hätten die wichtigsten gedruckten Geschichtsbücher und Chroniken durchlesen müssen. Noch wichtiger sei ihnen gewesen, alte Handschriften zu nutzen.6 Und dann folgt der Satz: „Die wenigsten der hier mitgetheilten Erzählungen waren aus mündlicher Ueberlieferung zu schöpfen.“6

Der Rattenfänger: eine Sage aus Büchern

Ein gutes Beispiel ist der Rattenfänger. Bei den Grimms steht er als Nr. 244 „Die Kinder zu Hameln“.2 Die Quellen, die sie dazu angeben, sind durchweg Schriften. Genannt werden unter anderem Samuel Erichs „Der hamelschen Kinder Ausgang“, eine Schrift über den Auszug der Kinder von 1702, eine thüringische Chronik, eine Erdbeschreibung von 1736, ein englisches Buch von 1634 und die Hamelner Chronik.14

In der Sage steht auch eine schöne Einzelheit. Die Straße, durch die die Kinder zum Tor hinauszogen, hieß noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts „bunge-lose“, also die trommellose, stille Straße. Der Grund: „weil kein Tanz darin geschehen noch Saitenspiel durfte gerührt werden“.14

Wie die ganze Geschichte geht und was die Forschung dazu sagt, erfährst du auf unserer Seite zum Rattenfänger von Hameln.

Wie ist die Sammlung geordnet?

Nicht nach Landschaften, nicht nach dem Alter und nicht nach dem Inhalt. Am liebsten hätten die Grimms nach den deutschen Volksstämmen geordnet, ohne Rücksicht auf politische Grenzen. Dafür gebe es aber noch zu wenig sichere Vorarbeiten, schreiben sie. Auch eine Ordnung nach dem Alter oder nach dem Inhalt verwarfen sie.15 Bei der Reihenfolge wollten sie lieber „der Spur der Natur folgen“. Ein Lesebuch, das man von vorn bis hinten liest, sollte die Sammlung ausdrücklich nicht sein.16 Dafür versprechen sie: „Häufig wird man also in der folgenden eine deutliche oder leise Anspielung auf die vorhergehende Sage finden.“17

Wie das aussieht, zeigt das Inhaltsverzeichnis rund um die Hamelner Sage. Nr. 241 ist „Der Binger Mäusethurm“, Nr. 244 „Die Kinder zu Hameln“, Nr. 245 „Der Rattenfänger“, Nr. 246 „Der Schlangenfänger“ und Nr. 247 „Das Mäuselein“.2 Mäuse, Ratten und Schlangen stehen hier dicht beieinander.

Was wollten die Brüder Grimm mit ihrer Sammlung?

Ihr oberstes Gebot nennen sie selbst: „Das erste, was wir bei Sammlung der Sagen nicht aus den Augen gelassen haben, ist Treue und Wahrheit.“18 Den Kern einer Sage wollten sie nicht antasten.19 Beim Wortlaut erlaubten sie sich etwas Freiheit: „An die Worte war sich, so viel thunlich, zu halten, nicht an ihnen zu kleben.“19 Dürftige Sagen haben sie nach eigener Aussage nicht mit Zusätzen aufgefüllt.20

Ihr Buch empfahlen sie den „Liebhabern deutscher Poesie, Geschichte und Sprache“.21 Fertig war es für sie trotzdem nicht. Ihnen fehle noch eine große Menge deutscher Sagen, schreiben sie.13 Darum bitten sie ihre Leser um Hilfe: „Für jede Mittheilung in diesem Sinn werden wir dankbar seyn.“10

Was unterscheidet die Sagen von den Kinder- und Hausmärchen?

Die Märchen kamen zuerst. Der erste Band der „Kinder- und Hausmärchen“ erschien 1812, der zweite 1815.1 Erzählt haben den Grimms die Märchen vor allem Frauen aus bürgerlichen und adligen Familien. Diese kannten sie wiederum von Dienstboten, Bauern und Händlern. Die wichtigste Beiträgerin war nach Angaben der GRIMMWELT Kassel Dorothea Viehmann.11 Bei den Sagen dagegen stützten sich die Grimms, wie du oben gesehen hast, oft auf Bücher und Chroniken.

Auch die Bearbeitung war eine andere. Bei den Märchen schuf Wilhelm Grimm nach der Neuen Deutschen Biographie den typischen Märchenstil, und ab der zweiten Auflage von 1819 betreute er die Sammlung allein.8 Bei den Sagen galt der Grundsatz der Treue.18 Einen Anhang mit Anmerkungen, wie sie ihn den Märchen mitgegeben hatten, ließen die Grimms bei den Sagen weg.5

Groß ist auch der Unterschied im Erfolg. Die Märchen wurden laut Deutscher UNESCO-Kommission in mehr als 160 Sprachen übersetzt, und die Kasseler Handexemplare zählen zum Weltdokumentenerbe.22 Die „Deutschen Sagen“ erreichten erst 1865/66 eine zweite Auflage.8 Da waren beide Brüder schon gestorben, Wilhelm 1859 und Jacob 1863.78

Wie wirkten die „Deutschen Sagen“ nach?

Im 19. Jahrhundert entstanden mehrere Sagenbücher für einzelne Regionen. Bei einigen ist die Verbindung zu den Grimms gut belegt.

Adalbert Kuhn gab 1843 die „Märkischen Sagen und Märchen“ heraus. In seinen Arbeiten zur Märchenforschung ist nach der Neuen Deutschen Biographie der Einfluss Jacob Grimms deutlich zu erkennen.23 Karl Müllenhoff veröffentlichte 1845 die „Sagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg“. Mitgeholfen hatten seine Freunde Theodor Mommsen und Theodor Storm. Müllenhoff hatte in Berlin unter anderem bei Wilhelm Grimm studiert, und die NDB nennt seine Sammlung den Grimms verpflichtet.24

Ludwig Bechstein brachte 1853 sein „Deutsches Sagenbuch“ heraus und 1858 ein „Thüringer Sagenbuch“.25 Auch bei ihm stehen „Die Kinder von Hameln“.26 So steht der Rattenfänger erst in alten Chroniken, dann bei den Grimms und später auch bei Bechstein.

Auf dem Sagenpfad gehen wir den umgekehrten Weg. Wir holen die Geschichten aus den Büchern und erzählen sie dort, wo sie spielen.

  1. Janette Rau, Biografie Jacob Grimm (2014), Lebendiges Museum Online, Deutsches Historisches Museum: https://www.dhm.de/lemo/biografie/jacob-grimm
  2. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816), Inhaltsverzeichnis Nr. 1–362, Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/cache/epub/76558/pg76558-images.html
  3. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 2 (1818), Inhalt Nr. 363–579 und Vorrede S. XIV, Wikisource: https://de.wikisource.org/wiki/Deutsche_Sagen_(Br%C3%BCder_Grimm,_Band_2)
  4. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816), Vorrede, S. XVI, Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/cache/epub/76558/pg76558-images.html
  5. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816), Vorrede, S. XX–XXI, Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/cache/epub/76558/pg76558-images.html
  6. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 2 (1818), Vorrede, S. III, Wikisource: https://de.wikisource.org/wiki/Deutsche_Sagen_(Br%C3%BCder_Grimm,_Band_2)
  7. Friedrich Neumann, „Grimm, Jacob Ludwig Carl“, Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 76: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118542257.html
  8. Friedrich Neumann, „Grimm, Wilhelm Carl“, Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 77–79: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118542265.html
  9. Janette Rau, Biografie Wilhelm Grimm (2014), Lebendiges Museum Online, Deutsches Historisches Museum: https://www.dhm.de/lemo/biografie/wilhelm-grimm
  10. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816), Vorrede, S. XXVI, Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/cache/epub/76558/pg76558-images.html
  11. GRIMMWELT Kassel, Journal: Die Kinder- und Hausmärchen: https://www.grimmwelt.de/de/journal/die-kinder-und-hausmaerchen
  12. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816), Nr. 1–8 mit Quellenangaben, Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/cache/epub/76558/pg76558-images.html
  13. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816), Vorrede, S. XXV, Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/cache/epub/76558/pg76558-images.html
  14. Brüder Grimm, Deutsche Sagen (1816/18), Nr. 244 „Die Kinder zu Hameln“ mit Quellenangaben, SAGEN.at: https://www.sagen.at/texte/sagen/grimm/diekinderzuhameln.html
  15. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816), Vorrede, S. XVI–XVIII, Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/cache/epub/76558/pg76558-images.html
  16. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816), Vorrede, S. XV, Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/cache/epub/76558/pg76558-images.html
  17. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816), Vorrede, S. XIX, Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/cache/epub/76558/pg76558-images.html
  18. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816), Vorrede, S. X, Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/cache/epub/76558/pg76558-images.html
  19. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816), Vorrede, S. XII, Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/cache/epub/76558/pg76558-images.html
  20. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816), Vorrede, S. XIV, Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/cache/epub/76558/pg76558-images.html
  21. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816), Vorrede, S. XXIV, Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/cache/epub/76558/pg76558-images.html
  22. Deutsche UNESCO-Kommission, Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm: https://www.unesco.de/staette/kinder-und-hausmaerchen-der-brueder-grimm/
  23. Friedrich Wilhelm, „Kuhn, Adalbert“, Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 256–257: https://www.deutsche-biographie.de/sfz46905.html
  24. Rainer Kolk, „Müllenhoff, Karl Victor“, Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 308–309: https://www.deutsche-biographie.de/sfz66232.html
  25. Adalbert Elschenbroich, „Bechstein, Ludwig“, Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 692 f.: https://www.deutsche-biographie.de/sfz2467.html
  26. Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch (1853), Nr. 294 „Die Kinder von Hameln“, Projekt Gutenberg-DE (Ausgabe 1930): https://projekt-gutenberg.org/authors/ludwig-bechstein/books/deutsches-sagenbuch/chapter/296

KI-Hinweis: Das Titelbild ist KI-gestützt. Dieser Text entstand mit KI-Unterstützung aus den genannten Quellen und wurde redaktionell geprüft.