

Vor Usedom sollen silberne Glocken unter den Wellen läuten, im nordfriesischen Watt die Glocken einer übermütigen Stadt. So erzählen es die Sagen von Vineta und Rungholt. Eine der beiden Städte hat es wirklich gegeben, und ihre Kirche ist im Watt aufgespürt worden.
Wissen · Motiveerschienen am 15. Oktober 2026
Vineta und Rungholt sind zwei versunkene Städte aus norddeutschen Sagen. Vineta soll vor der Insel Usedom in der Ostsee liegen, Rungholt im nordfriesischen Wattenmeer. Beide Sagen erzählen von reichen Leuten, die übermütig werden, von einer Flut als Strafe und von Glocken, die unter Wasser weiterläuten.1,2 Der große Unterschied: Rungholt gab es wirklich. Es ging 1362 in einer Sturmflut unter, und 2023 haben Forschende die Reste seiner Kirche im Watt geortet.3 Für ein versunkenes Vineta vor Usedom gibt es dagegen keinen Beleg. Die Forschung verbindet die Sage mit dem frühmittelalterlichen Handelsplatz Wolin an der Odermündung.4,5
Der Sagensammler Jodocus Temme nahm die Sage 1840 in seine „Volkssagen von Pommern und Rügen“ auf. Bei ihm heißt die Stadt Wineta. An der nordöstlichen Küste von Usedom, vor dem Dorf Damerow, sehe man bei stillem Wetter ihre Trümmer im Meer.1
Vineta war der Sage nach so reich, dass die Stadttore aus Erz und die Glocken aus Silber waren. Die Kinder sollen auf den Straßen mit harten Talern gespielt haben.1 Doch der Reichtum bekam den Leuten nicht. Sie verfielen in Prunk und Laster, und Temme schreibt: „Dafür traf sie denn der gerechte Zorn Gottes“.1 Eine Sturmflut verschlang die Stadt.
Ganz verschwunden ist Vineta in der Sage aber nicht. An jedem Abend, an dem kein Sturm auf der See ist, hört man die silbernen Glocken tief unter den Wellen die Vesper läuten. Und am Ostermorgen steigt die Stadt für kurze Zeit mit Häusern, Kirchen, Toren und Brücken aus dem Wasser, als „warnendes Schattenbild“.1
Temme kennt noch eine zweite Fassung. Darin streiten sich die Bewohner, rufen Schweden und Dänen zu Hilfe, und die zerstören die Stadt.1 Schon die Sage selbst ist sich also nicht einig, wie Vineta endete.
Vor Usedom spricht nichts dafür. Schon 1890 hielt Meyers Konversations-Lexikon fest, dass Taucher vor Damerow keinen Anhalt für eine vom Meer verschlungene Stadt gefunden hatten.6
Einen wahren Kern hat die Sage trotzdem, nur liegt er an anderer Stelle. Zwischen 1074 und 1080 schrieb der Bremer Domherr Adam von Bremen sein Geschichtswerk. Darin beschreibt er eine reiche Handelsstadt an der Odermündung, die er Jumne nennt, und rühmt sie als größte Stadt Europas.4 Der Stettiner Forscher Krzysztof Guzikowski hält manches an dieser Beschreibung für geschönt. Viele Einzelheiten zeigen aber, dass die Stadt wirklich blühte.4 Die Forschung setzt Jumne mit Wolin gleich.4,5 Mit Wolin verband man auch die Vineta-Sage. Versuche, Vineta anderswo zu finden, etwa bei Barth, haben bisher wenig überzeugt.4
Die Ausgrabungen in Wolin zeigen eine Siedlung von Handwerkern und Kaufleuten mit allen Merkmalen eines Handelsplatzes an der Ostsee. Ihre große Zeit lag etwa zwischen 850 und 1100.5 Der Stettiner Archäologe Władysław Filipowiak hat den Ort mehr als 50 Jahre lang erforscht.4
Die Sage von Rungholt ist alt. Das Nordfriesland Museum in Husum sieht ihre vermutliche Urfassung bei dem Pastor Samuel Meigerius, der sie 1587 aufschrieb. Karl Müllenhoff nahm sie 1845 in seine „Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg“ auf.2
Der Kern ist in allen Fassungen ähnlich. Die Rungholter sind reich und werden übermütig. Ein paar Bauern machen eine Sau betrunken, legen sie ins Bett und lassen den Pfarrer holen. Er soll dem angeblich Kranken das Abendmahl bringen. Der Pfarrer durchschaut den Spott und bittet in der Kirche um Gottes Strafe. In der Nacht wird er gewarnt, das Land zu verlassen, und dann kommt die Flut.2
Bei Müllenhoff stehen die Bauern noch auf dem Deich und rufen dem Meer zu: „Trotz nu, blanke Hans!“2 Der Blanke Hans ist ein norddeutscher Name für die stürmische Nordsee.7 Das Wasser steigt vier Ellen hoch über die Deiche, und Rungholt versinkt. Danach, so Müllenhoff: „Von Vorüberfahrenden wird Glockenklang und dergleichen gehört.“2
Bekannt wurde die Sage auch durch zwei Dichter. Theodor Storm erzählte sie 1871 in seiner „Halligfahrt“ nach.2 Bei ihm hören Schiffer unter Deck es aus der Tiefe läuten, und der Erzähler sagt: „Das sind die Glocken von Rungholt.“ Der Schiffer an Bord antwortet auf Platt, er habe sie sein Leben lang nicht gehört.8 Detlev von Liliencron setzte Rungholt 1882 mit seiner Ballade „Trutz, Blanke Hans“ ein Denkmal.2 In der Fassung von 1883 beginnt sie mit den Versen: „Heut bin ich über Rungholt gefahren, / Die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren.“9
Ja. Das Nordfriesland Museum sagt es klar: Rungholt hat es wirklich gegeben.10 Der Ort war ein Kirchspiel in der Edomsharde, einem Verwaltungsbezirk in Nordfriesland. Eine Liste der Harden und Kirchen von 1240 nennt ihn.11 Die letzte bekannte Urkunde aus der Edomsharde vor der Katastrophe stammt vom 19. Juni 1361. Sie sicherte Hamburgern sicheren Handel zu, gültig bis zum 1. Mai 1362.11 Diesen Tag erlebte Rungholt nicht mehr.
Mitte Januar 1362 traf eine schwere Sturmflut die ganze südliche Nordseeküste. Sie heißt Zweite Marcellusflut, nach dem Tag des heiligen Papstes Marcellus, und trägt den Beinamen „Grote Mandränke“. In Schleswig-Holstein ging die alte Küstenlinie verloren, die Halligen entstanden.12 Kurz nach der Flut ließ der Schleswiger Bischof Nicolaus Brun die verlorenen Kirchspiele auflisten. Rungholt steht darauf, als „Rungehalt“.11
Im Mai 2023 meldeten die Universitäten Kiel und Mainz, das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein und das Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie einen besonderen Fund. Bei der Hallig Südfall, im heutigen UNESCO-Welterbe Wattenmeer, hatten sie mit geophysikalischen Messungen eine zwei Kilometer lange Kette mittelalterlicher Warften entdeckt, also künstlicher Siedlungshügel. Auf einer davon liegen die Fundamente einer Kirche von etwa 40 mal 15 Metern.3 Im ganzen Untersuchungsgebiet sind 54 Warften belegt, dazu Entwässerungssysteme, ein Seedeich mit Sielhafen und zwei kleinere Kirchen.3 Die Reste sind stark abgetragen und durch Erosion bedroht.3
Der Rungholtforscher Andreas Busch schätzte anhand der im Watt gefundenen Brunnen, dass rund 1.000 Menschen in Rungholt lebten. Unter den Funden ist auch spanisch-maurische Keramik, auf einem Krug steht der Ortsname „Malaga“. Ob das Handelsware war oder ein Andenken, weiß man nicht.11 Das Nordfriesland Museum Nissenhaus in Husum widmet Rungholt eine eigene Abteilung. Dort stehen die alten Sagen neben Funden, die im Wattenmeer geborgen wurden.10
Vineta und Rungholt folgen demselben Muster: erst der Reichtum, dann der Übermut, dann die Strafe. Das Husumer Museum nennt als Kern der Rungholt-Sagen Hochmut, Gotteslästerung und Frevel am Abendmahl, die Gott bestraft.2 Bei Vineta sind es Prunk und Laster.1
Das Muster findet sich auch an kleineren Orten. In Pommern erzählte man von Regamünde, einer Stadt dort, wo die Rega ins Meer fließt. Ihre Bürger seien durch den Reichtum „so übermüthig geworden, daß sie zuletzt selbst Gott den Herrn verspottet haben“. In einer einzigen Sturmnacht versank die Stadt, nur die Kirchenglocken sollen gerettet worden sein. Auch diese Sage steht bei Temme.13
Die Glocken sind in diesen Geschichten das, was vom Untergang bleibt. Vinetas silberne Glocken läuten abends die Vesper, Rungholts Glocken hören die Vorüberfahrenden.1,2 Auch einzelne Glocken läuten in den Sagen unter Wasser weiter. Müllenhoff erzählt 1845 von einer Kapellenglocke bei Neukirchen in der Wiedingharde. Seeräuber hatten sie geraubt, doch sie entglitt ihnen und versank im Siel. Jeden Ostermorgen hört man sie aus der Tiefe, und die Kinder gehen hin, um zu lauschen.14
Geglaubt haben das nicht alle. Schon 1655 hielt der Pastor Henricus Heimreich das Läuten bei Rungholt für eine erfundene Fabel, die nur den Aberglauben stützen solle.2
Bei Vineta ist belegt: Es gab einen reichen Handelsplatz an der Odermündung, den Adam von Bremen Jumne nannte und den die Forschung in Wolin sieht.4,5 Sage ist die Stadt mit den silbernen Glocken vor Usedom, die im Meer versank und am Ostermorgen auftaucht.1 Spuren von ihr haben Taucher vor Damerow nicht gefunden.6
Bei Rungholt ist belegt: der Ort in Urkunden, sein Untergang in der Flut von 1362, seine Kirche und seine Warften im Watt.11,12,3 Sage sind die betrunkene Sau, der verspottete Pfarrer, der Trotzruf auf dem Deich und die Glocken aus der Tiefe.2 Selbst die Jahreszahl der Sage passt nicht: Müllenhoff lässt Rungholt am Weihnachtsabend des Jahres 1300 untergehen.2
Temme nennt Vineta am Ostermorgen ein „warnendes Schattenbild“.1 Das trifft auf beide Sagen zu. Sie warnen vor dem Übermut, und sie werden an einer Küste erzählt, an der das Meer jederzeit zurückkommen kann.
KI-Hinweis: Das Titelbild ist KI-gestützt. Dieser Text entstand mit KI-Unterstützung aus den genannten Quellen und wurde redaktionell geprüft.