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Verschneites Fachwerkdorf in einer Mondnacht, im warm erleuchteten Fenster ein Spinnrad, über den Dächern ziehen schemenhafte Geisterreiter durch die Wolken

Die Rauhnächte: Sagen und Bräuche der zwölf Nächte zwischen den Jahren

Zwischen Weihnachten und Dreikönig wird es still. Früher war das mehr als Erholung: In diesen zwölf Nächten, so glaubte man, zieht Frau Holle durchs Land, die Wilde Jagd braust durch die Luft und im Stall reden die Tiere. Was hinter den Rauhnächten steckt und was die alten Sagensammlungen darüber erzählen.

Wissen · Jahreslauferschienen am 15. Oktober 2026

Die kurze Antwort

Die Rauhnächte sind die zwölf Nächte zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag am 6. Januar.12 Im Volksglauben waren es unheimliche Nächte. Frau Holle zog umher und sah nach, ob die Mägde ihren Flachs versponnen hatten.3 Im Süden schlich die Percht durch die Gegend.2 Die Wilde Jagd stürmte durch die Luft.4 Viele Arbeiten mussten ruhen, vor allem Spinnen und Wäschewaschen.45 Und weil man glaubte, in diesen Nächten in die Zukunft schauen zu können, galten einige von ihnen als Losnächte.6

Wann sind die Rauhnächte?

Ganz einig sind sich die Quellen nicht. Der Duden nennt die zwölf Nächte zwischen Heiligabend und Dreikönig.1 Die Universität Innsbruck beschreibt die Zeit vom 24. Dezember bis zum 6. Januar. Ursprünglich, so heißt es dort, begann sie schon am 21. Dezember, dem Thomastag.2 Ein Kalenderblatt des Landes Salzburg rechnet die „Zwölften“ vom 25. Dezember bis zum 6. Januar.7

In Norddeutschland hießen sie „die Zwölften“. Ludwig Strackerjan schrieb 1867 im Oldenburger Land: „Die Zeit von Weihnachten bis heilige drei Könige heißt die Zwölften“. In den evangelischen Teilen des Herzogtums, wo man Dreikönig nicht mehr feierte, trat oft die Woche von Weihnachten bis Neujahr an ihre Stelle.4

Einzelne Nächte hatten besonderes Gewicht. Laut Bayerischem Wörterbuch ist der Heilige Abend eine Rauhnacht. Die Nacht vor Dreikönig heißt dort auch die „letzte“ oder „große“ Rauhnacht.68

Warum sagt man „zwischen den Jahren“?

Eine eindeutige Erklärung liefern unsere Quellen nicht. Aber wann ein Jahr beginnt, war lange nicht überall gleich. Das Salzburger Kalenderblatt nennt mehrere alte Neujahrstermine, darunter Weihnachten am 25. Dezember und den 1. Januar. Papst Innozenz XII. legte den Neujahrstag 1691 auf den 1. Januar, doch bis ins 18. Jahrhundert galten in Europa verschiedene Termine.7

Woher kommt der Name Rauhnächte?

Für den Namen gibt es zwei Erklärungen. Der Duden schreibt das Wort heute ohne h, „Raunächte“. Er führt es wohl auf „rau“ im Sinn von „haarig“ zurück. Gemeint seien Dämonen im Fell, die in dieser Zeit besonders umtriebig sein sollen. Als Nebenform nennt der Duden „Rauchnächte“.1

Damit ist die zweite Erklärung schon angedeutet: der Rauch. Die Universität Innsbruck leitet das Wort vom Ausräuchern des Hauses ab, das ursprünglich wahrscheinlich ein Priester vornahm. Im späten Mittelalter glaubte man, dieser Segen halte Geister und Dämonen fern.2 Auch das Bayerische Wörterbuch hält fest, dass man am Heiligen Abend vielerorts Haus und Stall ausräucherte, um böse Geister zu vertreiben.6 Welche Erklärung stimmt, ist offen. Die Innsbrucker Datenbank und das Bayerische Wörterbuch schreiben „Rauhnacht“ übrigens mit h.26

Frau Holle und Frau Percht: Wer zieht in den Rauhnächten umher?

„In der Weihnacht fängt Frau Holla an herumzuziehen“: So beginnt eine Sage, die die Brüder Grimm 1816 in ihre „Deutschen Sagen“ aufnahmen.9 Die Mägde legen dann neuen Flachs an ihre Spinnrocken und lassen ihn über Nacht stehen. Das freut Frau Holla, und sie spricht: „So manches Haar, so manches gutes Jahr.“ Bis zum „großen Neujahr“, dem Dreikönigstag, zieht sie umher, dann muss sie zurück in ihren Horselberg. Findet sie noch Flachs am Rocken, wird sie zornig. Darum reißen die Mägde vorher ab, was sie nicht versponnen haben.3

Jacob Grimm sammelte in seiner „Deutschen Mythologie“, die 1835 zuerst erschien, noch mehr über sie.10 Ihren jährlichen Umzug verlege man auf Weihnachten, in die Zwölften. Fleißigen Mädchen schenke sie Spindeln, faulen Spinnerinnen zünde sie den Rocken an. Und sie gehöre zum wütenden Heer.11

Eine ihrer Adressen liegt in Hessen. Die Grimms verorten „Frau Hollen Teich“ auf dem Meißner. Jährlich, heißt es dort, gehe sie im Land um und mache die Äcker fruchtbar.12 Den Frau-Holle-Teich erreichst du als Abstecher vom Premiumwanderweg P1 Hoher Meißner. Der Sage nach steht auf seinem Grund das silberne Schloss der Frau Holle.13

In Schwarza in Thüringen zog Frau Holla der Sage nach an Weihnachten vorüber, vorneweg der treue Eckart, der die Leute warnte. Ein paar Jungen mit Bierkrügen drückten sich in eine Ecke, und Frauen aus dem Zug tranken ihnen das Bier aus. Eckart versprach: Wenn sie schwiegen, blieben ihre Kannen immer voll. Drei Tage ging das gut. Dann erzählten sie es den Eltern, und die Krüge waren leer.14

Im Norden kennen die Sammlungen ähnliche Gestalten. In Mecklenburg notierte Karl Bartsch 1879/80: „In den Zwölften geht Fro Wauer umher und sieht nach, ob in den Häusern Alles in Ordnung ist.“15 Adalbert Kuhn schrieb 1848 auf, Frû Gode besudele den Wocken, also den Spinnrocken, bei allen, die am zwölften Tag nicht abgesponnen hatten.16

Im Süden zieht die Percht oder Perchta umher. Nach Angaben der Universität Innsbruck stellte man ihr in den Rauhnächten Milch und Brot vor die Tür.2 Die Grimms kennen aus Schwaben, Franken und Thüringen die „wilde Berta“, eine wilde Frau mit zottigen Haaren. Am letzten Tag im Jahr besudelt sie den Rocken des Mädchens, das seinen Flachs nicht abgesponnen hat. Halsstarrigen Kindern rief man dort zu: „Schweig, oder die wilde Berta kommt!“17

Ludwig Bechstein erzählt 1853 aus dem Orlagau, dort heiße Perchta die Heimchenkönigin. Eine neckische Elbenschar umschwärme sie.1819

Wie alt sind die Perchtenläufe?

Aus der Sagenfigur wurde ein Brauch mit Masken. Die Universität Innsbruck nennt die Perchtenumzüge am Vorabend des 6. Januar eine Besonderheit.2 Ein früher Beleg stammt aus Berchtesgaden. 1642 klagte man dort, beim „Pertlaufen“ am Dreikönigsabend sei es ungebührlich zugegangen.6 Woher die Perchtenläufe kommen, erklärt das Salzburger Kalenderblatt so: Die Perchten- und Maskenaufzüge stammen aus der Religionsdidaktik und Spielfreude des Barock. Erst Sommerfrischler aus der Stadt gaben ihnen im 19. Jahrhundert naturkultische und mythische Deutungen.7

Was ist die Wilde Jagd?

Die Wilde Jagd ist in der Sage ein Jagdzug mit Reitern und Hunden, der abends und nachts umgeht.420 Im Oldenburger Land erzählte man, Wodan selbst stürme in den Zwölften auf seinem Schimmel mit seiner Meute durch die Lüfte. Jeden Verstoß gegen die Regeln dieser Zeit ahnde er streng.4

Über den wilden Jäger Hackelbärend, auch Hackelberg genannt, schreibt Jacob Grimm: „nach einigen jagt er nur in den zwölf nächten, von weihnachten zu den heiligen drei königen“. In mecklenburgischen Sagen, die Grimm anführt, lenkt Frau Gauden in den Zwölften ihren Jagdzug zu den Häusern der Menschen. Findet sie eine Haustür offen, schickt sie eine Hündin hinein. Darum achte jeder darauf, dass die Haustür abends gut verschlossen sei.20

Das gleiche Bild findest du bei Adalbert Kuhn. Er notierte 1848, in den Zwölften jage der Helljäger auf der Erde. Wer abends die Türen nicht früh schließe, dem liefen drei Hunde ins Haus, die bis zu den Zwölften im folgenden Jahr blieben.21

Warum durfte man in den Rauhnächten keine Wäsche aufhängen?

Karl Bartsch schrieb in Mecklenburg auf, unter anderem aus Hagenow: In den Zwölften dürfe man nicht waschen und vor allem keine Wäsche zum Trocknen aufhängen. Sonst sterbe im folgenden Jahr jemand aus der Familie.5 Im Oldenburger Land war es ähnlich. In Schweiburg und Umgebung durfte zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche stattfinden. In Butjadingen hieß es, hänge in dieser Zeit Wäsche auf der Leine, gebe es bald einen Todesfall im Haus.4 Einen Grund nennt Bartsch nicht. Bei Strackerjan ist es Wodan, der Verstöße gegen die Regeln der Zwölften bestraft.45

Auch sonst sollte vieles stillstehen. Strackerjan schreibt, in den Zwölften dürfe nichts „rundum gehen“. Also fuhr man weder mit Wagen noch mit Schiebkarren. Man drosch nicht und nähte nicht, denn beim Dreschen beschreibt der Klöppel und beim Nähen die Nadel einen Kreis. Und wenn auch nur Flachs auf dem Rocken saß, gedieh nach einem Glauben aus Brake im Jahr darauf der Flachs nicht.4 Jacob Grimm kannte Ähnliches aus dem Norden: Von Jul bis Neujahr solle sich weder Rad noch Winde drehen.11

Sprechen die Tiere in der Christnacht?

Das Bayerische Wörterbuch verzeichnet den Glauben vielfach und aus seinem ganzen Gebiet: Während der Christmette sollen Pferde, Ochsen und Kühe sprechen und die Zukunft verraten.6

Ludwig Bechstein erzählt davon aus Franken. In Riedenheim bei Niklashausen versteckte sich der Sage nach ein neugieriger Bauer in der Krippe, um seine Tiere zu belauschen. Als es zwölf schlug, begannen die Ochsen zu reden. Doch was sie über ihren Herrn sagten, war keine gute Nachricht. Einer nennt ihn sogar einen „Viehschinder“.22

Losnächte: Wie man in die Zukunft schauen wollte

In Bayern galt die Christnacht als Losnacht, ebenso die Nacht vor Dreikönig. Dann wurde Blei gegossen, um die Zukunft zu erfahren.68 Das Salzburger Kalenderblatt zählt zu diesen Orakel- und Losbräuchen das Bleigießen, das „Hütelheben“ und das „Lösseln“, dessen Name vom Los-Werfen kommt. Solche Bräuche sollten Böses abwehren und Gutes anziehen.7

Im Tiroler Unterland erfuhr man durch „Leaslen“, also Losen, ob man bald heiraten oder reich werden würde, vermutlich seit dem 19. Jahrhundert. In Südtirol las man die Zukunft aus der Richtung, in die ein geworfener Schuh fiel.2

Auch das Wetter wollte man vorhersagen. Aus der Gegend von Paderborn notierte Adalbert Kuhn 1859: „In den Zwölften wird der Kalender fürs ganze Jahr gemacht.“ Wie das Wetter an diesen Tagen sei, so werde es in den folgenden zwölf Monaten.23

Was die Rauhnächte zusammenhält

Viele dieser Regeln klingen streng, manche unheimlich. Gemeinsam ist ihnen ein Bild: Zwischen den Jahren soll die Arbeit ruhen, der Flachs versponnen und das Haus in Ordnung sein, wenn die nächtlichen Gäste vorbeiziehen.315 Wer der Frau Holle nachspüren will, findet ihren Teich am Hohen Meißner in Hessen.1213

  1. Duden online, „Raunächte“: https://www.duden.de/rechtschreibung/Raunaechte
  2. Universität Innsbruck, Institut für Geschichtswissenschaften und Empirische Kulturwissenschaft, Datenbank „Feste und Bräuche“: Rauhnacht: https://www.uibk.ac.at/de/geschichte-ekw/datenbanken/feste-und-braeuche/rauhnacht/
  3. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816; Text nach der 3. Aufl. 1891), Nr. 5 „Frau Holla zieht umher“, TextGrid Repository: https://www.textgridrep.de/browse/nz6w.0
  4. Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg, Bd. 2 (1867), Nr. 293 „Weihnachten und die Zwölften“, TextGrid Repository: https://www.textgridrep.de/browse/vw55.0
  5. Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1879/80), Nr. 1288a, TextGrid Repository: https://www.textgridrep.de/browse/ztfr.0
  6. Bayerisches Wörterbuch, Bd. 1 (2002 ff.), Art. „Abend“: [Heilig]abend und [(Heilig-)Drei-könig(s)]abend, Sp. 27–28, Bayerische Akademie der Wissenschaften: https://publikationen.badw.de/de/bwb/a/1.27.pdf
  7. Ulrike Kammerhofer-Aggermann, Neujahr / Neujahrstag (1. Jänner), Kalender „Religionen in Österreich“, Land Salzburg (PDF): https://www.salzburg.gv.at/kultur_/Documents/SLIVK/01.01._neujahr_neujahrstag.pdf
  8. Bayerisches Wörterbuch, Bd. 1 (2002 ff.), Art. „Abend“: [(Heilig-)Drei-könig(s)]abend (Forts.), Sp. 29–30, Bayerische Akademie der Wissenschaften: https://publikationen.badw.de/de/bwb/a/1.29.pdf
  9. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (Erstdruck 1816/1818; Text nach der 3. Aufl. 1891), Übersicht „Deutsche Sagen“, TextGrid Repository: https://www.textgridrep.de/browse/nztj.0
  10. Deutsches Historisches Museum, LeMO, Biografie Jacob Grimm: https://www.dhm.de/lemo/biografie/jacob-grimm
  11. Jacob Grimm, Deutsche Mythologie (1835), Kap. XIII „Göttinnen“, Bd. 1, S. 222–224 der Vorlage, Projekt Gutenberg: https://projekt-gutenberg.org/authors/brueder-grimm/books/jacob-grimm-deutsche-mythologie/chapter/13
  12. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816; Text nach der 3. Aufl. 1891), Nr. 4 „Frau Hollen Teich“, TextGrid Repository: https://www.textgridrep.de/browse/nzs6.0
  13. Geo-Naturpark Frau-Holle-Land / Deutsche Märchenstraße, Frau-Holle-Teich: https://www.deutsche-maerchenstrasse.com/en/poi/frau-holle-pond
  14. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816; Text nach der 3. Aufl. 1891), Nr. 7 „Frau Holla und der treue Eckart“, TextGrid Repository: https://www.textgridrep.de/browse/nzmw.0
  15. Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1879/80), Nr. 1262b, TextGrid Repository: https://www.textgridrep.de/browse/zmzx.0
  16. Adalbert Kuhn, Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche (1848), Nr. 174 „Gottheiten der Zwölften“, TextGrid Repository: https://www.textgridrep.de/browse/r9sn.0
  17. Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Bd. 1 (1816; Zählung und Text nach der 3. Aufl. 1891), Nr. 269 „Die wilde Berta kommt“, TextGrid Repository: https://www.textgridrep.de/browse/nxfv.0
  18. Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch (1853), Nr. 546 „Von Moosleuten, Holzweibeln und Heimchen“, TextGrid Repository (Text nach der Ausgabe 1930): https://www.textgridrep.de/browse/kj9k.0
  19. Neue Deutsche Biographie / Allgemeine Deutsche Biographie, Artikel „Bechstein, Ludwig“: https://www.deutsche-biographie.de/sfz2467.html
  20. Jacob Grimm, Deutsche Mythologie (1835), Kap. XXXI „Gespenster“, Bd. 2, S. 768–773 der Vorlage, Projekt Gutenberg: https://projekt-gutenberg.org/authors/brueder-grimm/books/jacob-grimm-deutsche-mythologie/chapter/31
  21. Adalbert Kuhn, Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche (1848), Nr. 253 „Der wilde Jäger“, TextGrid Repository: https://www.textgridrep.de/browse/r5vq.0
  22. Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch (1853), Nr. 799 „Christnachtwunder“, TextGrid Repository (Text nach der Ausgabe 1930): https://www.textgridrep.de/browse/kgz5.0
  23. Adalbert Kuhn, Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen, Teil 2 (1859), Nr. 354, TextGrid Repository: https://www.textgridrep.de/browse/r9x4.0

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