

Ein Felsbrocken mitten auf dem Acker, ein Hufabdruck im Granit, ein Grab aus mächtigen Steinen: Für so etwas hatten die Menschen früher eine einfache Erklärung. Das waren Riesen. Hier erfährst du, welche Riesensagen es gibt, wo du ihre Spuren heute findest und was die Wissenschaft dazu sagt.
Wissen · Figurenerschienen am 15. Oktober 2026
In deutschen Sagen erklären Riesen, was in der Landschaft auffällt. Große Steinblöcke sollen sie einander zugeworfen haben, alte Steingräber gelten als ihre Gräber, und Abdrücke im Stein als Spuren ihrer Finger.1,2 Im Norden heißen die Riesen oft Hünen. Daher kommen Wörter wie Hünenbett und Hünengrab.3 Die Wissenschaft erklärt dieselben Dinge anders: Die Findlinge haben Gletscher der Eiszeit aus Skandinavien gebracht, und die Großsteingräber bauten Bauern der Jungsteinzeit.4,5 Schon die Brüder Grimm nahmen 1816 Riesensagen in ihre „Deutschen Sagen“ auf, darunter das Riesenspielzeug.6
Heute nennt man einen auffallend großen, kräftigen Mann einen Hünen.7 Früher hieß das Wort einfach Riese. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm erklärt, dass der Name der Hunnen seit dem 13. Jahrhundert auf die Riesen übertragen wurde.8 Im Oberdeutschen verschwand das Wort später wieder. Im Niederdeutschen dagegen hängt an ihm ein reicher Sagenschatz, „von der Weichsel bis über die Ems hinaus“.8 Darum begegnen dir Hünen vor allem im Norden. Ein Hünenbett ist nach dem Wörterbuch ein „riesenhügel, riesengrab“.3
Die Brüder Grimm veröffentlichten sie 1816 als Nummer 17 ihrer „Deutschen Sagen“.6 Sie beginnt so: „Im Elsaß auf der Burg Nideck, die an einem hohen Berg bei einem Wasserfall liegt, waren die Ritter vorzeiten große Riesen.“9
Eines Tages steigt das Riesenfräulein ins Tal hinab. Es kommt bis fast nach Haslach und sieht dort Bauern, die mit Pferden und Pflug ein Feld bestellen. So etwas hat es noch nie gesehen. Es kniet sich hin, breitet seine Schürze aus, sammelt alles ein und läuft ganz vergnügt nach Hause.9 Der Vater aber freut sich nicht. „Mir ist der Bauer kein Spielzeug“, sagt er ernst und schickt die Tochter mit allem zurück ins Tal. Seine Begründung steht im letzten Satz: „Baut der Bauer nicht sein Ackerfeld, so haben wir Riesen auf unserm Felsennest nichts zu leben.“9
Eine ganz ähnliche Geschichte erzählte man auch im Norden. Karl Müllenhoff veröffentlichte 1845 eine Sage aus Esperehm bei Schleswig.10,11 Dort hatten die Riesen einst ihre Wohnung. Als die Bauern kamen und das Land pflügten, heißt es kurz: „Da mußten die Riesen weichen.“ Eine Riesenfrau sah einem Bauern lange beim Pflügen zu, packte ihn samt Pferden und Pflug in ihre Schürze und zeigte ihn den anderen. Dazu rief sie auf Plattdeutsch: „Süh, dat sünd unse Verdriwers!“ Auf Hochdeutsch etwa: Sieh, das sind die, die uns vertreiben. Müllenhoff verweist dazu selbst auf die Grimms.10
Aus der Sage von Burg Nideck machte Adelbert von Chamisso ein Gedicht. Er schrieb „Das Riesen-Spielzeug“ 1831, gedruckt wurde es 1833.12 Die erste Zeile lautet: „Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohl bekannt“.13
Nicht in Deutschland. Die Ruine liegt bei Oberhaslach im französischen Département Bas-Rhin, also im Elsass, auf einem Sandsteinkamm in über 500 Metern Höhe.14 Gebaut wurde die Burg zwischen der Mitte des 13. und dem frühen 14. Jahrhundert. Im Jahr 1636 zerstörte sie ein Brand.14 Am Bergfried der unteren Burg erinnert eine Gedenktafel von 1884 an Chamisso.14
Adalbert Kuhn notierte 1843 für die Altmark: „An vielen Orten der Altmark finden sich große, mächtige Steinblöcke“.1,15 Man erzählte, es habe vor Zeiten gewaltige Riesen gegeben, die einander damit bewarfen, zum Beispiel bei Steinfeld und Schinne zwischen Stendal und Bismark. Kuhn vermerkt dazu: mündlich überliefert.1
In Müllenhoffs Sammlung zielen die Riesen auffallend oft auf Kirchen. In der Landschaft Bredstede in Schleswig wohnten „zwei Riesen, ein friesischer zu Drelsdorp und ein dänischer zu Viöl“.2 Sie verabredeten, dass jeder einmal nach dem Kirchturm des anderen werfen sollte. Der Drelsdorfer traf, und der Turm in Viöl ist seitdem stumpf. Der Viöler nahm einen noch größeren Stein, warf aber daneben. Den Felsblock zeigte man im Moor hinter Drelsdorf. Weil er so knapp vorbeiflog, steht der Drelsdorfer Turm der Sage nach bis heute „ein bißchen schief“.2 Und bei Medelby zeigte man einen Stein, den ein Riese gegen die Kirche schleudern wollte. Darauf seien noch „die Spuren aller fünf Finger“ zu sehen.2
Die Geologie hat eine andere Antwort. Gletscher der Eiszeit schleppten die oft tonnenschweren Steine von Skandinavien bis nach Norddeutschland, über mehr als 1.000 Kilometer.4 In der Fachsprache heißt so ein Stein erratischer Block. Das Wort Findling bedeutete ursprünglich übrigens ein ausgesetztes, gefundenes Kind.16 Ein Stein, von dem niemand wusste, woher er kam: Kein Wunder, dass die Menschen sich einen Riesen als Werfer dazudachten.
Auch alte Steingräber deutete man als Werk von Riesen. Zwischen Drelsdorf und Bredstede liegen nach Müllenhoff zwei Hünengräber. Eines ist ungewöhnlich lang, und „da soll ein Riese begraben sein“.2 Bei Hamsdorf wollte ein Riese einen Stein über die Eider werfen. Der Stein blieb diesseits liegen und ist nun „der große Deckstein eines Riesenbettes“.2
Die Archäologie weiß es heute genauer. Die Großsteingräber stammen aus der Jungsteinzeit, etwa 4800 bis 2500 vor Christus. In Schleswig-Holstein errichteten sie Bauern der sogenannten Trichterbechergesellschaft, rund 400 Anlagen sind dort erhalten. Die Vorstellung, nur Riesen hätten die schweren Steine bewegen können, nennen Fachleute des Archäologischen Landesamts veraltet.5 Ein schönes Ausflugsziel ist Albersdorf in Dithmarschen. Dort liegt der Brutkamp. Sein Deckstein ist mit rund 23 Tonnen der größte eines Großsteingrabs in Schleswig-Holstein.5
Hoch über dem Bodetal ragt die Roßtrappe auf, ein 403 Meter hoher Granitfels, rund 250 Meter über der Bode. Oben ist eine Vertiefung, die einem riesigen Hufabdruck ähnelt.17 Wie sie dahin kam, erzählt die Sage.
Johann Carl Christoph Nachtigal schrieb sie 1800 in seinen „Volcks-Sagen“ auf.18 Im Böhmerwald hauste ein Riese namens Bohdo, ungeheuer groß und stark. Nur die Königstochter Emma vom Riesengebirge konnte er nicht zwingen, ihn zu lieben. Sie floh auf ihrem Pferd. Am Abgrund sprang das Pferd hinüber und „schlug seinen Huf vier Fuß tief in das harte Gestein“. Ihre goldene Krone fiel in die Tiefe. Der Riese stürzte hinterher in den Strudel des Flusses, „dem er den Namen gab“: die Bode. Dort bewacht er als schwarzer Hund die Krone.19
Die Brüder Grimm nahmen die Roßtrappe 1816 in ihre Sammlung auf und stellten mehrere Fassungen nebeneinander.6,20 Bei ihnen heißt der Riese Bodo.20 Heute hört man für die Königstochter oft einen anderen Namen: Brunhilde. So beschreibt es zum Beispiel die Sammlung von Schloss Wernigerode zu einer Radierung von 1812, die den Hufabdruck schon zeigt.21 Hinauf kommst du zu Fuß oder mit dem Sessellift.17
Am Felsberg bei Lautertal im Odenwald liegen dicht gepackte, gerundete Felsblöcke den Hang hinunter.22 Ludwig Bechstein nannte 1853 die große Steinsäule auf dem Felsberg bei Reichenbach eine „Heun- oder Riesensäule“.23,24 Wirklich gearbeitet haben hier Steinmetze, schon seit der Römerzeit. Die über neun Meter lange Riesensäule liegt zwischen anderen bearbeiteten Werksteinen am Weg.22
Die Geschichte von zwei streitenden Riesen erzählt die Bürgerstiftung Lautertal. Auf dem Felsberg herrschte der Riese Felshocker, auf dem Hohenstein hauste der Riese Steinbeißer. Erst spielten die beiden zusammen, dann gerieten sie in Streit und bewarfen sich mit Felsbrocken, bis beide unter den Steinen verschüttet waren. Sie schlafen aber nur. Wer nachts ein Ohr an einen Felsen legt, soll sie schnarchen hören.25 Einen alten Sammler mit Jahreszahl nennt die Stiftung nicht. Sie beruft sich auf das Buch „Tal der Riesen“.25
Die Geologen erzählen eine langsamere Geschichte. Das Gestein ist Quarzdiorit, der vor etwa 350 Millionen Jahren tief in der Erde erstarrte. Unter feucht-warmem Klima zerfiel er später in rundliche Blöcke. In der letzten Kaltzeit rutschten diese langsam den Hang hinab.22
Sie geben dem Rätselhaften eine Geschichte. Das gilt für Steine, aber auch für Mulden und Teiche. Bei Höxter, so erzählen die Grimms, wohnten Hünen auf dem Brunsberg und dem Wiltberg. Sie waren so groß, dass sie sich morgens aus ihren Fenstern die Hände reichten. Beim Spiel fiel eine Kugel ins Tal „und schlug ein gewaltiges Loch in den Erdboden, das man noch heute sieht“. Nach einer anderen Fassung fiel ein Garnknäuel herab, „und da ist ein großer Teich geworden“.26
Und die Riesen gehören in eine ferne Zeit. Sie lebten „vorzeiten“ oder „in alten Zeiten“.9,2 In Esperehm mussten sie sogar den Bauern weichen, die das Land pflügten.10 Chamissos Gedicht endet mit der Zeile: „Und fragst du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.“13 Ihre Steine aber liegen noch da. Du kannst sie besuchen.
KI-Hinweis: Das Titelbild ist KI-gestützt. Dieser Text entstand mit KI-Unterstützung aus den genannten Quellen und wurde redaktionell geprüft.