

Ein Bischof flieht vor Mäusen in einen Turm, ein Teufel baut eine Brücke und wird betrogen, Frauen tragen ihre Männer aus einer belagerten Burg. Solche Geschichten erzählt man nicht an einem Ort, sondern an vielen. Dafür gibt es ein eigenes Wort: Wandersage.
Wissen · Grundwissenerschienen am 15. Oktober 2026
Eine Wandersage ist eine Sage, deren Kern an vielen Orten erzählt wird. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm nennt sie knapp „eine von volk zu volk wandernde sage“.1 Die Handlung bleibt im Kern gleich, nur Ort, Namen und Einzelheiten wechseln. Der Volkskundler Karl Wehrhan schrieb 1908: „Daß Örtlichkeit und Personen ein und derselben Sage in verschiedenen Zeiten und Gegenden wechseln, ist bekannt“.2 Viele Ortssagen sind nach der Enzyklopädie des Märchens in Wahrheit Wandersagen, die an einem bestimmten Ort festgemacht wurden.3
Das Deutsche Wörterbuch kennt zwei Bedeutungen: eine Sage, die von den Wanderungen ganzer Völker erzählt, und eine Sage, die selbst von Volk zu Volk wandert.1 Hier geht es um die zweite.
Die Enzyklopädie des Märchens, ein Nachschlagewerk der Erzählforschung, beschreibt das so: Die Forschung stößt oft auf Ereignisse, die so viele Orte für sich beanspruchen, dass man eine Wanderung annehmen muss. Als Beispiel nennt sie die Weiber von Weinsberg.3 Das Österreich-Lexikon sagt es noch kürzer: Weil sich Sagenmotive an verschiedenen Orten wiederholen, spricht man von Wandersagen.4
Was dabei wandert, kann ein einzelnes Motiv sein, etwa eine ausgeklügelte List, oder eine ganze Erzählung.3 Im Alltag gebraucht man das Wort heute auch für moderne Gerüchte. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache stellt es neben „urbane Legende“ und „moderne Sage“.5
So beginnen die Brüder Grimm 1816: „Zu Bingen ragt mitten aus dem Rhein ein hoher Thurm, von dem nachstehende Sage umgeht.“6 Bischof Hatto von Mainz hilft in einer Hungersnot den Armen nicht. Zur Strafe verfolgen ihn Mäuse, Tag und Nacht. Er lässt einen Turm mitten im Rhein bauen, doch die Mäuse schwimmen hinüber.6
Schon Friedrich Gottschalck fiel 1814 auf: „Merkwürdig ist es, daß es eine beinahe gleichzeitige polnische Sage giebt, die mit dieser große Aehnlichkeit hat.“7 Karl Knortz erzählte sie 1913 nach. Fürst Popiel flieht vor den Mäusen in einen Turm im Goplosee bei Kruschwitz, auch dort vergeblich. Aus Breslau kennt Knortz die Sage von einem Bischof, der Hungernde abwies und noch in derselben Nacht von Mäusen heimgesucht wurde.8
Selbst der Bischof wechselte. Die Allgemeine Deutsche Biographie schrieb 1880, die Sage werde öfter von Hatto II. als von Hatto I. erzählt und auch auf manche andere Sünder bezogen. Mit dem Leben Hattos I. habe sie nichts zu tun.9
Der Turm selbst entstand im 14. Jahrhundert als Wart- und Außenposten auf einer Felsklippe im Strom. Er diente den Mainzer Erzbischöfen als Maut- und Zollstelle.10 Karl Wehrhan meinte 1908, die Sage sei aus einem Missverständnis entstanden: Aus dem Mautturm, also dem Zollturm, sei ein Mäuseturm geworden.11
In Frankfurt erzählte man den Grimms von der Sachsenhäuser Brücke. Der Baumeister wird nicht rechtzeitig fertig und ruft den Teufel. Der baut die Brücke in einer Nacht und verlangt das erste Lebewesen, das hinübergeht. Am Morgen treibt der Baumeister einen Hahn über die Brücke. Ein goldener Hahn stand als Wahrzeichen auf der Brücke.12
In der Schweiz, an der Reuß, geht die Geschichte fast genauso. Ein Hirte wünscht sich eine Brücke, der Teufel baut sie gegen das erste Lebendige, und der Hirte schickt eine Gämse voraus.13 Gleicher Handel, gleiche List, anderes Tier.
Die Grimms wussten, wie oft solche Geschichten vorkommen. In ihrer Vorrede sprechen sie von den „so häufigen“ Sagen über Teufelsbauten.14 Allein im ersten Band ihrer „Deutschen Sagen“ tragen zwei Sagen den Titel Teufelsmühle und zwei den Titel Teufelsmauer.15
Die Grimms erzählen 1816, wie ein Pfeifer im Jahr 1284 die Ratten aus Hameln lockt, um seinen Lohn betrogen wird und mit 130 Kindern in einem Berg verschwindet.16 Die ganze Geschichte steht auf unserer Seite zum Rattenfänger von Hameln.
Hier sind zwei Sagen zusammengewachsen. Die Stadt Hameln schreibt, die Sage vom Auszug der Kinder sei später mit einer Sage von der Vertreibung der Ratten verknüpft worden.17 Den Rattenfänger allein gibt es auch anderswo. Die Grimms hörten aus Deutschböhmen von einem Rattenfänger, dem die Ratten auf seinen Pfiff hin folgen, wohin er will.18
Auch Kinder, die singend und tanzend die Stadt verlassen, kennt nicht nur Hameln. Ludwig Bechstein erzählt 1858 aus Erfurt: Am 15. Juni 1237 zogen über 1000 Kinder in einem großen Reigen tanzend bis nach Arnstadt. Am anderen Morgen holte man sie mit Wagen zurück.19 Ob die Geschichten zusammenhängen, sagen unsere Quellen nicht. Das Bild ist ähnlich.
Im Jahr 1140 belagert König Konrad III. Weinsberg. Die Frauen handeln aus, dass jede mitnehmen darf, was sie auf ihren Schultern tragen kann. Dann tragen sie ihre Männer hinaus, und der König hält Wort. So steht es 1818 bei den Grimms, nach der Kölner Chronik von 1499.20
Die Oberamtsbeschreibung von Weinsberg hielt 1861 fest, die Geschichte sei kurz nach 1140 nur im fernen Köln aufgeschrieben worden. Erst die gedruckte Kölner Chronik von 1499 habe sie weiter bekannt gemacht. Solche Geschichten von treuen Frauen wiederholten sich in Deutschland „bei ein Paar Dutzend Burgen“. Genannt wird etwa Solms bei Wetzlar, und aus den Niederlanden allein seien zwanzig ähnliche Sagen gemeldet.21
Karl Wehrhan nennt 1908 dieselbe List sogar aus dem Midrasch, einer alten jüdischen Schriftauslegung. Eine Frau in Sidon darf bei der Trennung mitnehmen, was ihr gefällt. Nach einem Festmahl lässt sie ihren Mann in ihr Elternhaus tragen, denn er ist ihr das Liebste.22
Theodor Storm und Theodor Mommsen veröffentlichten 1844 zwei Glockensagen aus Schleswig-Holstein. Bei Neukirchen in der Wiedingharde fiel eine geraubte Glocke den Räubern aus den Händen und versank. Jeden Ostermorgen soll sie aus der Tiefe läuten. Im Flemhuder See liegt der Sage nach eine andere geraubte Glocke, die einmal im Jahr um Mitternacht läutet.23
Vor Usedom, so erzählt man, läuten die silbernen Glocken der versunkenen Stadt Vineta jeden Abend zur Vesper, wenn kein Sturm auf der See ist.24
„Man findet hin und wieder greuliche Steine, worin die Male von Händen und Füßen eingedrückt sind“, schrieben die Grimms 1816. Davon heiße es, Riesen hätten sich vor alters damit beworfen. Einer liege bei Leipzig, mit der Spur einer Hand mit sechs Fingern.25
Auch in Pommern und auf Rügen erzählt man solche Geschichten. Bei Nadelitz auf Rügen liegt der Riesenstein. Ein Riese soll ihn vom Tannenberg bei Putbus nach der neuen Kirche in Vilmnitz geworfen haben, aber er warf zu weit.26 Von einem Riesenstein bei Zarrentin nahe Loitz heißt es, Riesen hätten mit ihm auf den Kirchturm von Sassen gezielt. Man sieht darin noch fünf Löcher, die Abdrücke der Finger.27 Bei Brandenburg an der Havel soll ein Stein von der Riesin Frau Harke stammen. Sie wollte damit den Dom treffen, kam aber nicht so weit.22
Die Wissenschaft hat eine andere Erklärung: Gletscher haben die Findlinge in der Eiszeit von Skandinavien bis nach Norddeutschland geschleppt.28 Wo so ein Brocken allein auf dem Feld liegt, fragt man sich trotzdem, wer ihn dorthin gebracht hat.
Zum einen mündlich. Gottschalck erinnert 1814 an den Rheinschiffer, der den Reisenden mit ernster Miene die Geschichte vom Mäuseturm erzählt.7 Für Märchen, die nahen Verwandten der Sagen, nennt der Nationalatlas Deutschland zwei Erklärungen: Manche Motive sind an mehreren Orten zugleich entstanden, andere wurden durch Wanderungsbewegungen oder wandernde Spielleute weitergetragen.29
Zum anderen über Bücher. Die Enzyklopädie des Märchens nennt unter den Wegen der Wanderung Übersetzungen und schriftliche Quellen, heute auch Reisende und moderne Medien.30 Die Weiber von Weinsberg verbreitete eine gedruckte Chronik.21 Gottschalck nennt als eine seiner Quellen für den Mäuseturm ein Taschenbuch für Reisende am Rhein von 1812.7 Wie stark Reisebücher wirken, zeigt die Loreley. Clemens Brentano hatte sie 1801 erfunden. Alois Schreiber zählte sie 1812 in seinem Handbuch für Rheinreisende fälschlich zu den alten Rheinsagen.31
Und schließlich über die Sammler. Die Grimms suchten vor allem mündliche Erzählungen, werteten aber auch seltene Bücher des 16. und 17. Jahrhunderts aus. Ihre wichtigste schriftliche Quelle waren die Werke des Johannes Prätorius.32 Die Riesensteine von Leipzig etwa übernahmen sie aus seiner Weltbeschreibung.25
Weil eine Sage einen Haken braucht, an dem sie hängen kann. Die Grimms schrieben, um alles Ungewöhnliche in der Natur oder Geschichte einer Gegend sammle sich „ein Duft von Sage und Lied“.33 Ein Turm mitten im Fluss, zwei Löcher in einer Brücke, ein riesiger Stein auf dem Acker: Solche Dinge wollen erklärt werden.
Karl Wehrhan hat 1908 beschrieben, was dann passiert. Die Motive einer Sage werden meist aus dem genommen, was vor Ort naheliegt, aus Natur und Geschichte der Heimat. Darum klingen die Fassungen in verschiedenen Ländern so verschieden, obwohl ihr innerer Kern derselbe ist.22 Aus dem Teufel, der in Frankfurt einen Hahn bekommt, wird in der Schweiz ein Teufel, der eine Gämse bekommt.12,13
Nein. Eine Wandersage ist keine Fälschung. Sie zeigt, dass Menschen an vielen Orten ähnliche Fragen hatten: Warum steht dieser Turm im Strom? Wer hat diesen Stein hierher gelegt? Jeder Ort hat seine eigene Antwort gefunden. Auf dem Sagenpfad erzählen wir die Geschichten dort, wo sie zu Hause sind, und sagen dazu, wenn dieselbe Geschichte auch anderswo erzählt wird.
KI-Hinweis: Das Titelbild ist KI-gestützt. Dieser Text entstand mit KI-Unterstützung aus den genannten Quellen und wurde redaktionell geprüft.