

Sie trägt Weiß, einen Schleier und manchmal einen Schlüsselbund. In alten Fürstenschlössern soll sie sich zeigen, kurz bevor in der Familie jemand stirbt. Doch die Sagen erzählen auch von einer Weißen Frau, die nachts Kinder wiegt, einem armen Schäfer Gold schenkt und eine verlorene Krone sucht.
Wissen · Figurenerschienen am 15. Oktober 2026
Eine Weiße Frau ist eine Geistergestalt der deutschen Sage, die an einem festen Ort umgeht, oft in einer Burg oder einem Schloss. Die Brüder Grimm schrieben 1816: „Die weiße Frau erscheint in den Schlössern mehrerer fürstlichen Häuser“.1 Ihr Besuch bedeutet dort meist, dass bald jemand aus der Familie stirbt. Manchmal kündigt sie aber auch etwas Fröhliches an.1 Daneben erzählen die Sagen von weißen Frauen, die ruhelos durch alte Gemäuer wandern oder armen Leuten Gold schenken.2,3
Der Name sagt schon viel: Sie ist eine Frau in Weiß. Bei den Grimms hat sie sogar Erkennungszeichen: „Sie trägt ein Schlüsselbund und eine weiße Schleierhaube.“1 Der Schlüsselbund passt zu ihr. Die Weiße Frau ist kein fremdes Gespenst, das von draußen kommt. Sie gehört zum Haus.
Das sagt sie in der Sage sogar selbst. Nachts, wenn die Ammen eingeschlafen sind, soll sie in die fürstlichen Kinderstuben kommen, die Kinder wiegen und vertraut umhertragen. Als eine Kinderfrau sie einmal ausschalt, antwortete sie, sie gehöre zum Haus. Weil man ihr keine Ehre erwiesen habe, komme sie nicht wieder.1
Ludwig Bechstein schrieb 1853 über die Weiße Frau im Berliner Schloss einen Satz, der viel über sie verrät: „Wer sie auch sei und gewesen sei, so sei ihr Erscheinen stets das eines guten Geistes.“4
Nicht jede Weiße Frau wohnt in einem Fürstenschloss. In einer kurzen Sage bei den Grimms zeigt sie sich in Wäldern und auf Wiesen. Manchmal kommt sie mit brennenden Wachskerzen in die Pferdeställe und kämmt und putzt die Pferde. Das Wachs tropft dabei in die Mähnen.5
Die alten Sagensammlungen geben drei Antworten.
In den Fürstenhäusern ist sie eine Botin. Bechstein schreibt, sie erscheine „bei bevorstehenden wichtigen Ereignissen, namentlich bei Sterbefällen“.4 Bei den Grimms kommt es auf ein Detail an: die Handschuhe. Meist bedeutet ihr Besuch einen nahen Todesfall. Hat sie aber keine schwarzen Handschuhe an, bringt sie manchmal „etwas Fröhliches“.1
Auf Schloss Tenneberg über der Stadt Waltershausen in Thüringen, so erzählt Bechstein, wurde einst eine fremde vornehme Dame festgehalten. Wer sie war, wusste niemand genau. Sie starb in der Gefangenschaft, und seitdem geht sie um: „Nun wandelt sie als weiße Frau durch das schier öde Schloß und sucht – ihre verlorene Krone.“2
Die Boyneburg liegt auf einem hohen Bergrücken unweit der hessisch-thüringischen Grenze.6 Seit dort niemand mehr wohnte, wurde eines der Fräulein, die einst auf der Burg lebten, „oft als ein guter Geist gesehen“, so die Grimms.3 Ein armer Schäfer, der bald sein Letztes verlieren sollte, weidete eines Tages an der Burg. Da „sah er im Sonnenschein an der Schloßtüre eine schneeweiße Jungfrau sitzen.“3 Vor ihr trockneten auf einem weißen Tuch Knotten in der Sonne. Sie sah ihn freundlich und traurig an und sagte kein Wort. Ein paar Knotten fielen ihm dabei in die Schuhe.
Auf dem Heimweg drückte ihn etwas im Schuh. Als er nachsah, hielt er fünf oder sechs Goldkörner in der Hand. Er lief zurück, doch die Jungfrau war verschwunden. Mit dem Gold wurde er schuldenfrei.3
Die Plassenburg in Kulmbach war von 1338/40 bis 1791 ein Herrschaftszentrum der fränkischen Hohenzollern.7 Davor gehörte sie den Grafen von Orlamünde. Sie kam 1248 aus dem Erbe der Andechs-Meranier an die Orlamünder. 1338 verpfändete Graf Otto VII. Kulmbach und die Plassenburg an die Zollern, 1340 fiel ihnen das Erbe zu.8
Johann Georg Theodor Grässe erzählt die Sage 1868 so: Nach dem frühen Tod des Grafen Otto von Orlamünde wollte seine Witwe den Burggrafen Albrecht von Nürnberg heiraten. Sie hieß Kunigunde, nach anderen Beatrix oder Agnes.9 Die Sage gibt ihr die Schuld am Tod ihrer beiden kleinen Kinder, die dieser Heirat im Weg standen.9,10
Was danach geschah, erzählt jede Fassung anders. Bei Grässe soll sich die Gräfin im Kerker gewünscht haben, nach ihrem Tod dem Haus Hohenzollern als Weiße Frau zu erscheinen und Todesfälle anzukündigen.9 Alexander Schöppner schrieb 1852 auf, was man sich in der Gegend erzählte: Sie sei „als Büßerin auf bloßen Knieen von Plassenburg bis nach Himmelkron gerückt“.10 Im Kloster Himmelkron sollen die Kinder begraben liegen.10 Nach einer weiteren Fassung gründete die Gräfin das Kloster selbst und starb dort als Äbtissin.9
Belegt ist etwas anderes. Laut Neuer Deutscher Biographie gründeten die Orlamünder Kloster Himmelkron 1279 als Hauskloster und Grablege ihrer Familie. Von einer reuigen Gräfin ist dort keine Rede.8
Nach Grässe soll die Weiße Frau zum ersten Mal 1486 erschienen sein, nach dem Tod des Kurfürsten Albrecht Achilles.9 Er war seit 1470 Kurfürst von Brandenburg und regierte zugleich die fränkischen Lande seiner Familie.11 So spannt die Sage einen Bogen von Franken bis an die Spree.
„Es ist eine allgemeine Sage, daß, gleich wie in andern Fürstenschlössern, auch im Königsschlosse zu Berlin“ eine weiße Frau umwandle. So beginnt Bechstein 1853 seine Sage.4 Wer sie war, blieb auch für ihn offen. Viele hielten sie für eine Ahnfrau des Königshauses, etwa für Sophia, die erste Burggräfin von Nürnberg, oder für Elisabeth von Meran. Die Gräfin von Orlamünde hielt man in Berlin für unwahrscheinlich, denn ihr Geist sei an die Plassenburg gebunden.4
Grässe zählt Jahr für Jahr Begegnungen auf. Am 1. Dezember 1619 soll sie sich gezeigt haben, 23 Tage vor dem Tod des Kurfürsten Johann Sigismund. 1659 erschien sie, ohne dass danach jemand starb. 1667 sah die Kurfürstin Louise Henriette sie, „nach der damaligen Mode frisirt“, und starb bald darauf.9 Grässe nennt noch weitere Namen, die man ihr gab, darunter eine Gräfin von Leiningen und Anna Sydow.9
Auch Bayreuth gehört bei den Grimms zu den Orten der Weißen Frau, ebenso Darmstadt und Karlsruhe.1 Grässe berichtet von einem berühmten Gast. Als Napoleon sich am 14. Mai 1812 im Schloss zu Bayreuth aufhielt, scheint die Weiße Frau sogar ihm erschienen zu sein und ihn erschreckt zu haben. Grässe formuliert das vorsichtig.9
Er nennt außerdem zwei Bilder der Weißen Frau in Bayreuth, eines im Neuen Residenzschloss und eines in der Eremitage. Auf dem Bild in der Eremitage trägt sie ein weißes Schäferinnenkleid. Von einem der Bilder erzählte man, es lasse sich mit keinem Nagel an der Wand befestigen. Man müsse es immer auf den Boden stellen.9
Die Grimms beginnen ihre Liste der Schlösser mit Neuhaus in Böhmen. Nach einigen Erzählungen hieß die Weiße Frau Perchta von Rosenberg und ließ dort ein Schloss bauen.1 Ihre Untertanen mussten mitarbeiten und empfanden das als große Last. Perchta rief ihnen zu, fleißig zu sein. Wenn das Schloss fertig sei, „will ich euch und euren Leuten einen süßen Brei vorsetzen“.1
Im Herbst nach dem Bau stiftete sie ein Mahl, das alle Rosenberger ihren Leuten für ewige Zeiten geben sollten. Zur Zeit der Grimms wurde es noch gegeben. Unterblieb es, erschien sie zornig.1
Neuhaus heißt auf Tschechisch Jindřichův Hradec. Auch die tschechische Tourismuszentrale erzählt, dass die Weiße Dame dort im Schloss als Gespenst erscheinen soll.12
Die Antwort steckt schon in der Sage selbst. Die Weiße Frau gehört zu einer Familie. Die Grimms schreiben, sie erscheine auch in allen Schlössern der Familien, die durch Heirat mit ihr verwandt wurden.1 Wo die Familie hinzog, zog die Sage mit.
Darum hat sie auch so viele Namen: Kunigunde auf der Plassenburg, Perchta in Neuhaus, eine Ahnfrau in Berlin. Schon Grässe vermutete, dass dabei „Verwechselungen mit andern derartigen weißen Frauen mit unterlaufen mögen“.9 Die Grimms gaben einer ihrer Sagen den Titel „Frau Berta oder die weiße Frau“.1 Und selbst Frau Holle zeigt sich an ihrem Teich auf dem Meißner in Hessen manchmal „als eine schöne weiße Frau in oder auf der Mitte des Teiches“.13
Ob Botin, Büßerin oder Glücksbringerin: Die Weiße Frau hat immer eine Adresse. Sie wohnt in einem bestimmten Schloss, auf einer bestimmten Burg, an einem bestimmten Teich. Gerade das macht sie zur Sagengestalt. Und wer einmal durch einen alten Schlossflur geht, versteht, warum man sie sich gerade dort vorgestellt hat.
KI-Hinweis: Das Titelbild ist KI-gestützt. Dieser Text entstand mit KI-Unterstützung aus den genannten Quellen und wurde redaktionell geprüft.