

Der Rattenfänger, die versunkene Stadt Rungholt, die Loreley: Viele Sagen nennen einen echten Ort und eine echte Jahreszahl. Ob auch die Geschichte stimmt, lässt sich oft erstaunlich genau prüfen. Manchmal findet man dabei einen wahren Kern und manchmal einen Dichter.
Wissen · Grundwissenerschienen am 15. Oktober 2026
Viele Sagen haben einen wahren Kern: einen Ort, ein Ereignis oder einen Menschen, den es wirklich gab. Was die Sage darum herum erzählt, also Wunder, Teufel und Strafen, ist meist später dazugekommen. Den Kern findest du, indem du die Sage mit Zeugnissen aus der Zeit selbst vergleichst, mit Urkunden, Chroniken, Inschriften und Funden im Boden. So ist belegt, dass das Land um Rungholt in der Sturmflut von 1362 unterging.1 Beim Rattenfänger von Hameln hält die Stadt selbst einen Auszug von Siedlern nach Osten für den wahrscheinlichsten Kern.2 Und die Loreley hat sich ein Dichter im Jahr 1801 ausgedacht.3
Schon die Wortbedeutung mahnt zur Vorsicht. Der Duden beschreibt die Sage als Bericht, der zuerst mündlich weitergegeben wurde und dessen Einzelheiten nicht verbürgt sind.4 Der Volkskundler Karl Wehrhan zog 1908 eine klare Grenze: Die Sage sei „nicht durch beglaubigte Zeugen und Urkunden überkommene Geschichtserzählung“.5 Wo die Geschichte anfange, höre die Sage auf.5
Wie trotzdem Wahres in eine Sage gerät, erklärt Wehrhan so: Von einem Ereignis bleibt oft nur eine wichtige Tatsache im Gedächtnis der Leute. Den Grund dafür vergessen sie und erzählen ihn neu, passend zu ihrer eigenen Zeit. Der Ursprung kann also geschichtlich sein, die Weiterentwicklung ist dichterisch. Dabei wirft die Sage gern Orte und Personen durcheinander.5
Der wahre Kern ist das, was übrig bleibt, wenn man die späteren Schichten vorsichtig abträgt. Vier Fragen helfen dabei. Wann wurde die Geschichte zum ersten Mal aufgeschrieben? Gibt es Urkunden, Briefe oder Chroniken aus der Zeit selbst? Hat das Ereignis Spuren im Boden hinterlassen? Und wird dieselbe Geschichte auch an anderen Orten erzählt? Dann ist sie eher Erzählgut als Bericht.
So erzählen es die Brüder Grimm 1816: Im Jahr 1284 befreit ein Mann im bunten Rock Hameln von Ratten und Mäusen. Die Bürger verweigern ihm den versprochenen Lohn. Am 26. Juni kehrt er zurück, pfeift in den Gassen, und nun laufen ihm die Kinder nach. Hundertdreißig verschwinden mit ihm in einem Berg.6 Die ganze Sage erzählen wir auf unserer Seite zum Rattenfänger von Hameln.
Prüfen wir die erste Frage. Der älteste schriftliche Bericht ist ein Nachtrag in einer Lüneburger Handschrift aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, mehr als 150 Jahre nach dem Ereignis. Er schildert den Auszug der Kinder genau, von Ratten steht darin noch nichts.7 Auch die Hamelner Hausinschriften, deren älteste von 1525 stammt, nennen nur die Kinder.7 Am sogenannten Rattenfängerhaus in der Osterstraße steht eine Inschrift von 1602/03. Sie sagt: Im Jahr 1284, am Tag Johannis und Pauli, dem 26. Juni, habe ein Pfeifer in bunten Kleidern 130 in Hameln geborene Kinder fortgelockt, die bei den „Koppen“ verloren gingen.8 Schriftlich verbunden sind Rattenvertreibung und Kinderauszug erst in der Chronik der Grafen von Zimmern um 1565.7
Die zweite Frage führt in die Archive. Die Sage behauptet, Hameln habe seine Jahre nach dem Auszug der Kinder gezählt.6 In den erhaltenen Urkunden findet sich davon kaum etwas. Einige tragen einen offenbar später eingefügten Vermerk über den Kinderauszug, aber nur eine einzige Torinschrift rechnet tatsächlich in Jahren seit dem Auszug.7
Auch die Quellen selbst muss man prüfen. Ein heute verlorenes Glasbild der Marktkirche hatte der Forscher Hans Dobbertin auf die Zeit um 1300 datiert. Nach dem Inschriftenwerk „Die Deutschen Inschriften“ entstand es aber wohl erst 1572, als Stiftung des Bürgermeisters Friedrich Poppendieck. Ein Jahr vorher erwähnte allerdings schon der Lüneburger Schulrektor Lucas Lossius ein älteres Glasbild.9
Und was steckt nun dahinter? Die Stadt Hameln sagt selbst, der historische Kern sei bis heute nicht sicher festgestellt.2 Am wahrscheinlichsten ist für sie die Ostsiedlung: Adlige Landesherren hätten Hamelner Bürger angeworben, die sich in Mähren, Ostpreußen, Pommern oder im Land des Deutschen Ordens niederlassen wollten. Mit den „Kindern“ könnten alle Einwohner gemeint sein, so wie man noch heute von Stadtkindern spricht. Die Ratten kamen später dazu und erinnern an die Rattenplagen, mit denen die Mühlenstadt im Mittelalter zu kämpfen hatte.2
Die Suche nach dem Kern ist übrigens alt. Schon 1749 erschien eine Schrift mit dem Titel „Die entlarvte Fabel vom Ausgange der Hämelschen Kinder“, 1882 eine über den „historischen Kern“ der Sage.5
Der Sage nach wohnten in Rungholt auf Nordstrand reiche Leute. Sie bauten große Deiche, stellten sich darauf und riefen dem Meer zu: „Trotz nu, blanke Hans!“ Aus Übermut trieben sie ihren Spott mit dem Pfarrer und dem Abendmahl. In der Nacht darauf stieg das Wasser vier Ellen hoch über die Deiche, und Rungholt ging mit sieben weiteren Kirchspielen unter. Wer vorüberfährt, so heißt es, hört manchmal Glocken klingen. Karl Müllenhoff schrieb das 1845 auf und nennt sogar einen Zeitpunkt: Weihnachten 1300.10
Die dritte Frage, die nach Spuren im Boden, beantwortet hier das Watt. Belegt ist, dass weite Teile der nordfriesischen Landschaft in der Sturmflut von 1362 untergingen, die auch als erste Grote Mandränke bekannt ist. Das Land konnte nicht zurückgewonnen werden.1 2023 meldeten Forschende aus Kiel, Mainz und Schleswig einen Fund bei der Hallig Südfall: eine zwei Kilometer lange Kette mittelalterlicher Warften, also künstlicher Siedlungshügel. Die Spuren auf einer davon deuten sie als Fundamente einer Kirche von 40 mal 15 Metern. Dazu kommen 54 Warften, Gräben, ein Seedeich und ein Hafen mit Siel.11 Gefunden haben sie das mit Magnetmessungen, Bohrkernen und kleinen Grabungen bei Ebbe.11 Wahrscheinlich ist es die Kirche von Rungholt.1
Der Ort stimmt also, das Jahr der Sage nicht. Trotzdem hielt es sich lange. Noch das große Universal-Lexicon von Zedler ließ Rungholt 1742 im Jahr 1300 untergehen.12
Und die vierte Frage? Müllenhoff selbst merkt an, dass man dieselbe Geschichte vom Spott mit dem Abendmahl auch von einem Schloss bei Flensburg und einem bei Itzehoe erzählt, die deshalb versunken sein sollen.10 Ein Erzählzug, der von Ort zu Ort wandert, ist kein Augenzeugenbericht. Er ist eine Erklärung.
Manchmal ist fast alles belegt, nur ein Detail nicht. Vom 12. bis 14. Oktober 1518 verhörte Kardinal Cajetan Martin Luther in Augsburg. Am 20. Oktober verließ Luther die Stadt heimlich, am 31. Oktober war er zurück in Wittenberg. So steht es in der Neuen Deutschen Biographie.13
Die Sage fügt eine Gestalt hinzu. Alexander Schöppner schrieb sie 1852 auf und gab als Quelle schlicht „Mündlich“ an. Luther habe im Dunkeln den Ausgang gesucht. Da habe ihm der Böse in der Gestalt seines Freundes Langenmantel mit den Worten „Da hinab“ das offene Törlein gezeigt.14
Ludwig Bechstein erzählte es 1853 anders. Bei ihm sagt Langenmantel selbst „Da hinab!“. Den Teufel deutet Bechstein als Erklärung von Luthers Gegnern, die ihn am nächsten Tag fassen wollten und ins Leere griffen: „Wer anders konnte ihm fortgeholfen haben als der Teufel?“15 Belegt ist also die Flucht. Die Gestalt im Gässchen ist Sage.
Es gibt auch Sagen, hinter denen gar kein altes Ereignis steckt. Die Lore Lay hat Clemens Brentano 1801 in seinem Roman „Godwi“ erfunden. Bald hielt man sie für eine alte Sagengestalt.3 Dazu trug ein Reiseführer bei: Alois Schreiber nahm die Geschichte 1812 in sein Handbuch für Rheinreisende auf und zählte sie dort fälschlich zu den alten Rheinsagen.16
Ganz ohne Wirklichkeit ist aber auch sie nicht. Den Felsen gibt es, und „Ley“ ist ein ursprünglich keltisches Wort für Fels. Sein Echo war schon lange vor Brentano bekannt. Um 1500 schrieb Konrad Celtis, Waldgeister, vielleicht Zwerge, verursachten den Widerhall. Und der Rheinabschnitt gilt wegen seiner engen Kurven und des felsigen Grundes als einer der gefährlichsten, weshalb Lichtsignale den Schiffsverkehr regeln.16 Brentano erfand seine Figur als Erklärung für das Echo.16 Der wahre Kern ist hier ein Ort, keine Begebenheit.
Eine Sage ist auch dann eine Quelle, wenn sie nicht stimmt. Nur erzählt sie dann weniger über das Ereignis als über die Menschen, die sie weitergaben.
In Hameln merkt man, wie tief der Verlust saß. Poppendieck stiftete sein Glasbild, „damit es taglich beide Eltern vnnd Kindern zum Spiegel für augen stünde“.9 Durch die Straße, durch die die Kinder fortgezogen sein sollen, durfte nach den Grimms weder getanzt noch musiziert werden. Sie hieß darum die „bunge-lose“, die trommellose, stille Straße.6 Die Inschriftenforscher halten es sogar für möglich, dass die Hamelner die Geschichte vom betrogenen Rattenfänger als wenig rühmlich für ihre Stadt empfanden. Vielleicht fehlen die Ratten deshalb in den frühen Hamelner Zeugnissen.7
Die Rungholt-Sage zeigt, wie Menschen eine Katastrophe begreifen wollten: als Strafe für Hochmut. Die Forschung fragt heute nüchterner, welchen Einfluss der Mensch selbst durch Besiedlung, Kultivierung und Landnutzung auf diese Küstenlandschaft nahm.1 Die Luther-Sage zeigt, wie erbittert der Streit um den Glauben geführt wurde. Für seine Gegner konnte hinter der gelungenen Flucht nur der Teufel stecken.15 Und die Loreley erzählt vor allem von der Romantik um 1800, die den Rhein zur Landschaft der Sehnsucht machte.3
Karl Wehrhan hat es 1908 in einem Satz gesagt: „Ein geistig totes Volk dichtet keine Sagen.“5 Wer eine Sage prüft, findet darum immer etwas Wahres, selbst wenn es nur die Menschen sind, die sie erzählt haben.
KI-Hinweis: Das Titelbild ist KI-gestützt. Dieser Text entstand mit KI-Unterstützung aus den genannten Quellen und wurde redaktionell geprüft.