

Hundegebell hoch in der Luft, Hörnerklang im Sturm und eine Stimme, die ruft: „Midden in den Weg!“ So beschreiben alte Sagen die Wilde Jagd. Wer den Geisterzug anführt, hängt davon ab, wo du gerade stehst.
Wissen · Figurenerschienen am 15. Oktober 2026
Die Wilde Jagd ist ein Geisterzug aus der Volkssage. Nachts, oft bei Sturm, soll ein unsichtbares Heer mit Pferden, Hunden und Jagdhörnern durch die Luft ziehen. Andere Namen sind Wildes Heer und Wütendes Heer.1,2,3 Wer den Zug anführt, hängt von der Gegend ab: im Solling und im Harz der Jäger Hackelberg, in Mecklenburg der Wode, im Odenwald der Rodensteiner, in Thüringen Frau Holle.4,5,6,7 Viele Sagen lassen ihn in den zwölf Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig ausziehen.1 Wer ihm begegnet, bleibt mitten auf dem Weg oder legt sich still auf den Boden. Und vor allem ruft man nicht mit.5,3,8
Jacob Grimm, dessen „Deutsche Mythologie“ 1835 zuerst erschien, hat Berichte darüber aus vielen deutschen Landschaften gesammelt.9,1 Er nennt sie „die weitverbreitete sage von dem wütenden heer, der wütenden jagd“.1 Das Deutsche Wörterbuch erklärt: Das Gefolge des wilden Jägers heißt das wilde, wütende Heer.2
Gesehen wird die Wilde Jagd in den Sagen selten. Meist hört man sie. Vom Solling erzählen die Brüder Grimm: „viermal wird ein greulich und erschrecklich Hornblasen und Hundegebell die Nacht gehört“.4 Im Odenwald ist von Jagdlärm, wiehernden Pferden und Trompeten die Rede.6
„Wütend“ klingt nach Zorn. Jacob Grimm hörte darin noch etwas anderes: den Namen des alten Gottes Wuotan. In einem Gedicht des Rüdiger von Munir fand er die Formel „bî Wuotunges her“ und folgerte: „Wuotunc und Wuotan waren namen gleicher bedeutung.“1 Für ihn zog Wuotan selbst an der Spitze des Heeres.1
Das ist Grimms Deutung, keine Aussage der Sagen selbst. Eine Spur fand er in Mecklenburg. Hörte der Bauer dort das Getöse in der Luft, sagte er: „de Wode tüt“, der Wode zieht.1 Auch der Ausdruck „wütendes Heer“ blieb lebendig. In einer Sage aus der Gegend von Neubrunn schreibt Ludwig Bechstein, die Landleute dort sagten stets nur „wüteninges (wütendes) Heer“, nie „wilder Jäger“.10
Die Brüder Grimm erzählen von einem Braunschweiger Jägermeister namens Hackelberg. Er liebte die Jagd so sehr, dass er auf dem Sterbebett erbat, „daß er für sein Teil Himmelreich bis zum Jüngsten Tag am Solling möcht jagen“.4 Der Wunsch ging in Erfüllung. Der Erzähler berichtet, er sei 1558 im Solling selbst auf Hackelbergs Grab gestoßen, eine freie Stelle mit einem langen roten Stein.4
In einer anderen Grimm-Sage zieht Hackelnberg nachts durch den Thüringer Wald, den Harz und „am liebsten durch den Hackel“, einen Forst bei Halberstadt.3,4 Vor ihm her fliegt eine Nachteule, die das Volk „Tut-Osel“ nennt. Einst soll sie eine Nonne gewesen sein, die mit ihrem Geheul den Chor störte. Als Eule wurde sie zur Dummburg im Harz verbannt, und dort fand sie ihren Partner: „Hier traf sie den Hackelnberg und fand an seinem huhu! so groß Gefallen, als er an ihrem uhu!“3 In Westfalen heißt der Jäger auch Hackelbärend, Hackelbernd oder Hackelblock.1
„Durch die Lüfte zieht des Nachts der Wod mit seinen Hunden.“ So beginnen die Wode-Sagen, die Karl Bartsch in Mecklenburg sammelte und 1879 herausgab.5,11 Je nach Ort heißt er Wod, Wode oder Waud, im Süden des Landes erscheint die Gestalt als Frau: Fru Goden.5 In einer Geschichte kommt der Wode als „ein langer Mann auf einem Schimmel“ zu einem Bauern, der ihm nicht ausweichen wollte. Am Ende schenkt er ihm einen Teil der Jagdbeute. Zu Hause ist der Stiefel des Bauern voll Gold, und aus dem Stück Wild ist ein Beutel voll Silber geworden.5
Grimm kannte aus Mecklenburg auch Frau Gauden. In den Zwölften lenkt sie ihren Jagdwagen zu den Häusern der Leute, am liebsten in der Christnacht oder in der Silvesternacht. Kleine Kinder mag sie besonders und beschenkt sie.1
In Holstein gab Karl Müllenhoff 1845 eine Sagensammlung heraus, laut Neuer Deutscher Biographie unter Mitarbeit von Theodor Mommsen und Theodor Storm.12 Dort heißt der Anführer schlicht der wilde Jäger. Er soll sich gewünscht haben, ewig jagen zu dürfen, selbst um den Preis der Seligkeit.8
Im Odenwald hat das Geisterheer einen eigenen Anführer. Ludwig Bechstein erzählt 1853 in seinem „Deutschen Sagenbuch“ von den Burgruinen Rodenstein und Schnellert.6,13 Ein Herr von Rodenstein zog der Sage nach in eine Fehde, obwohl seine Frau ihn anflehte zu bleiben. Ihr Geist erschien ihm später auf dem Schnellert und sprach einen Fluch: Bis zum Jüngsten Tag solle er ein Bote des Krieges sein.6
Seitdem erhebt er sich schon ein halbes Jahr im Voraus, wenn ein Krieg droht, „mit lautem Jagdlärm und Pferdegewieher und Hörner- und Trompetenblasen“.6 Der Zug führt über einen Hof in Oberkainsbach, durch Brensbach und Fränkisch-Crumbach hinauf zum Rodenstein. Dort bleibt das Geisterheer, bis der Frieden naht, und zieht dann leiser zum Schnellert zurück.6 Die Brüder Grimm hatten den Auszug des Rodensteiners schon 1816 aufgeschrieben.14
Nicht nur Männer führen das Heer an. Grimm schrieb: „So gut Wuotan, oder ein andrer gott, können auch heidnische göttinnen das wütende heer anführen“.1 Eine von ihnen ist Frau Holle. Im thüringischen Dorf Schwarza zog Frau Holla der Sage nach zur Weihnachtszeit mit einem Zug von Gespenstern durch die Straße. Vorneweg ging der treue Eckart und warnte alle, „aus dem Wege zu weichen“.7
Ein paar Jungen kamen gerade mit Bier aus dem Wirtshaus. Frauen aus dem Zug nahmen ihnen die Kannen ab und tranken. Die Jungen brachten vor Schreck kein Wort heraus. Eckart lobte sie dafür: Wenn sie weiter schwiegen, würden ihre Kannen niemals leer. Drei Tage hielten sie dicht. Dann erzählten sie es den Eltern, und das Wunder war vorbei.7
Eckart kommt noch in einer zweiten Grimm-Sage vor. Johann Kennerer, Pfarrer zu Mansfeld, über achtzig Jahre alt, erzählte, durch Eisleben und das Mansfelder Land sei jedes Jahr zur Fastnacht das wütende Heer gezogen. Vorneweg ging ein alter Mann mit einem weißen Stab und „hat sich selbst den treuen Eckhart geheißen“. Auch er schickte die Leute aus dem Weg.15
Am häufigsten führen die Sagen in die Zeit um Weihnachten. Über Hackelberg schreibt Grimm: „nach einigen jagt er nur in den zwölf nächten, von weihnachten zu den heiligen drei königen“.1 Bartsch fand den Glauben an die wilde Jagd „im Winter, namentlich in den Zwölften“ schon in einem Bericht vom Ende des 16. Jahrhunderts.5
Diese Nächte heißen auch Raunächte, manchmal Rauhnächte geschrieben. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache beschreibt die Raunacht als eine der zwölf Nächte zwischen Heiligabend und Dreikönigstag, in denen nach dem Volksglauben die Geisterwelt besonders nah ist. Je nach Gegend zählen drei bis zwölf Nächte dazu.16
Die zweite Jagdzeit bestimmt das Wetter. Nach anderen Erzählungen jagt Hackelberg immer, „wann der sturmwind heult“.1 In der Sage von der Tut-Osel zieht er „Mitternachts wann in Sturm und Regen“ los.3 Und in Neubrunn, so Bechstein, war das Heer am meisten im Herbst unterwegs, „wenn recht finstere und schaurige Nächte waren“.10
Die Sagen geben erstaunlich klare Regeln.
Bleib mitten auf dem Weg. In Mecklenburg heißt es über den Wode: „Nur wer mitten im Wege bleibt, dem thut er nichts; darum ruft er auch den Begegnenden zu ›midden in den Weg‹.“5 In Holstein reimt der wilde Jäger selbst: „Bleib du im großen Mardelweg, / So beißen dich meine Hunde nicht.“8
Leg dich still hin. Bei den Grimms heißt es: „Wanderer, denen sie aufstößt, werfen sich still auf den Bauch und lassen den wilden Jäger über sich wegfahren“.3 In Roßdorf zwischen Meiningen und Salzungen hieß es nach Bechstein, wer das Heer höre, müsse sich schweigend zu Boden werfen, sonst werde er mitgenommen „über Wald und Wipfel“.10
Geh aus dem Weg und schweig. Das rät der treue Eckart, und die Jungen von Schwarza zeigen, dass Schweigen sich lohnt.7,15
Ruf nicht mit. In Dersau rief ein Junge, der die Pferde hütete, „Hetäh! Hetäh!“, als die Jagd über ihn hinwegzog. Am nächsten Morgen warf ihm der wilde Jäger einen Pferdeschinken auf die Bettdecke: „Hast du mit gejagt, sollst du auch mit essen.“8 Ganz ähnlich ruft der Helljäger bei Delligsen in der Gegend von Alfeld: „wil ji mit jagen, so könn ji ok mit gnagen!“1
Jacob Grimm suchte hinter dem Heer einen alten Gott.1 Andere hörten einfach genauer hin. Karl Bartsch zitiert den schwedischen Naturforscher Nilsson: Das Schnattern der wilden Gänse auf ihren Zügen habe die Sage von der wilden Jagd ausgelöst.5
Der Mecklenburger F. C. Pogge-Zierstorf beschrieb 1832 im „Freimüthigen Abendblatt“ einen stillen Septemberabend bei Güstrow. Er hörte in der Ferne Jagdhunde mit hellen Stimmen, die immer näher kamen. Dann zog der Zug dicht über ihn hinweg, und er erkannte: „wilde Gänse, 50 bis 60 Stück an der Zahl“. Ihr Geschnatter klang, so Pogge, dem lauten Jagen vieler Hunde sehr ähnlich.5
Auch in Neubrunn winkten die jungen Leute laut Bechstein ab: „Der Wind heult und pfeift, oder es kann sein, daß Schneegänse oder Kraniche schreien.“ Die Alten aber blieben bei ihrem wütenden Heer.10
Wenn du also abends ein Rufen und Rauschen hoch am Himmel hörst, schau nach, ob es Gänse sind. Oder stell dich vorsichtshalber mitten auf den Weg.
KI-Hinweis: Das Titelbild ist KI-gestützt. Dieser Text entstand mit KI-Unterstützung aus den genannten Quellen und wurde redaktionell geprüft.