

Nachts wird gebacken, genäht und geputzt, und am Morgen ist alles fertig. Wer aber den kleinen Helfern Kleider schenkt oder Erbsen auf die Treppe streut, sieht sie nie wieder. Was hinter Zwergen, Wichteln und den Heinzelmännchen zu Köln steckt.
Wissen · Figurenerschienen am 15. Oktober 2026
Zwerge, Wichtel und Heinzelmännchen sind kleine Wesen aus dem alten Volksglauben, die in vielen Sagen heimlich für die Menschen arbeiten. Der Volkskundler Karl Wehrhan unterschied sie 1908 nach dem Wohnort: Zwerge hausen in Bergen und Höhlen, Heinzelmännchen und Kobolde in den Häusern der Menschen.1 „Wichtel“ ist ein altes Wort für beide, für Zwerge wie für Kobolde.2 Oft verschwinden die Kleinen für immer, sobald man sie belauscht, verspottet oder beschenkt.1,3 Die Heinzelmännchen zu Köln schrieb Ernst Weyden 1826 auf, bekannt wurden sie durch ein Gedicht von August Kopisch aus dem Jahr 1836.4
Wehrhan nennt die Zwerge nach ihrer Wohnung auch Unterirdische oder Erdmännlein. Sie leben in Bergen, Höhlen und Schluchten, hüten Schätze und können sich mit einer Tarnkappe unsichtbar machen.1
Ganz ähnlich sind die Wichtlein oder Bergmännlein der Bergwerke. Die Brüder Grimm beschreiben sie 1816 in ihren „Deutschen Sagen“: etwa dreiviertel Elle groß, mit langem Bart, gekleidet wie Bergleute, mit Laterne, Schlägel und Hammer. Die Bergleute erschraken nicht vor ihnen. Sie hielten es für ein gutes Zeichen, wenn die Wichtlein erschienen, denn die zeigten sich vor allem dort, wo es Erz gab.5
Heinzelmännchen sind für Wehrhan ebenfalls Zwerge, mit einem einzigen Unterschied: Sie wohnen bei den Menschen im Haus. Man nennt sie auch Kobolde, Poltergeister oder Wichtelmännchen, in Schottland Brownies, in Dänemark und Norwegen Nissen.1 Das Deutsche Wörterbuch beschreibt den Kobold seinem Wesen nach als helfenden Hausgeist.6
Einen solchen Hausgeist kennen die Grimms von Schloss Hudemühlen im Lüneburgischen. Ab 1584 ließ sich dort ein unsichtbarer Geist namens Hinzelmann hören. Er redete mit dem Gesinde, sang und lachte, solange ihn niemand ärgerte.7
Oft leihen sie etwas her. Unter dem Berg Sion vor Quedlinburg gab es nach den Grimms einst ein Zwergenloch. Die Zwerge liehen den Leuten zu ihren Hochzeiten gern Zinngeschirr.8
Bei Dardesheim, einem Städtchen zwischen Halberstadt und Braunschweig, ging man zu einem Berg, in dem Zwerge wohnten. Man klopfte dreimal an und sagte laut, was man brauchte, etwa ein Feierkleid oder ein seltenes Gerät für eine Hochzeit. Am nächsten Morgen stand alles vor dem Berg. Als Lohn genügte den Zwergen etwas vom Festessen.9
Eine Geschichte dazu steht im Märchen „Von den Wichtelmännern“, das die Brüder Grimm 1812 veröffentlichten. Ein armer Schuster hat nur noch Leder für ein einziges Paar Schuhe. Am Morgen stehen die Schuhe fertig auf dem Tisch, und so geht es Nacht für Nacht, bis er wieder wohlhabend ist. Kurz vor Weihnachten bleibt er mit seiner Frau wach. Um Mitternacht kommen zwei kleine, nackte Männlein und arbeiten flink, bis alles fertig ist. Die Frau hat Mitleid mit den frierenden Kleinen und näht ihnen Hemden, Röcke und Hosen, der Schuster macht kleine Schuhe. Die Männlein ziehen sich fröhlich an, hüpfen und tanzen, und „so tanzten sie zur Thür hinaus, und sind nicht wieder gekommen“.3
Wehrhan fasst es allgemein: Wenn Zwerge helfen, erwarten sie kein Geschenk. Bekommen sie doch eines, werden sie traurig und verschwinden meist für immer.1
Ganz ausnahmslos gilt die Regel nicht. Von den Bergleuten in Idria berichten die Grimms, sie stellten den Wichtlein täglich ein Töpfchen mit Essen hin und schenkten ihnen jedes Jahr ein rotes Röcklein. Vergaßen sie es, wurden die Kleinen zornig.5 Und Hinzelmann drehte den Spieß um. Er ging 1588 nach vier Jahren von selbst und schenkte dem Hausherrn zum Abschied ein kleines geflochtenes Kreuz, einen Strohhut und einen mit Perlen bestickten Handschuh.7
Zwerge und Hausgeister wollen nicht gesehen werden. Auch die Stadt Köln erzählt auf ihrer Seite zum Heinzelmännchenbrunnen, die Kölner Helfer hätten unerkannt bleiben wollen.10
Eine Sage, die ein Bauer aus dem Bernischen erzählte und die die Grimms übernahmen, handelt von Zwergen, die nachts in langen Mänteln kamen und ihre Füße sorgfältig verbargen. Ein neugieriger Hirt streute Asche um seinen Kirschbaum. Am Morgen sah er darin Spuren von Gänsefüßen und lachte über das verratene Geheimnis. Die Zwerge zerbrachen ihre Häuser und zogen sich tiefer in den Berg zurück.11 Fast dasselbe berichtet Ludwig Bechstein 1858 aus Angelrode zwischen Arnstadt und Ilmenau. Dort streute ein Wirt Asche in seinen Keller, sah die Spuren der Gänsefüße, und die Zwerge blieben fortan weg.12
Auf der Südseite des Harzes, in der alten Grafschaft Hohenstein, hießen kleine Felshöhlen nach den Grimms noch zu ihrer Zeit Zwerglöcher. Zwischen Walkenried und Neuhof, so die Sage, merkte ein Mann, dass ihm nachts die Feldfrüchte gestohlen wurden. Auf den Rat einer weisen Frau schlug er abends mit einem dünnen Stab über seinem Erbsenfeld in die Luft. Da standen plötzlich Zwerge vor ihm, denn er hatte ihnen die Nebelkappen abgeschlagen, die sie unsichtbar machten.13
Das Zwergvolk zog danach für immer fort, über eine schmale Brücke bei Neuhof, und niemand durfte zusehen. Ein paar Neugierige versteckten sich trotzdem unter der Brücke. Sie hörten stundenlang ein Getrappel, als zöge eine sehr große Schafherde vorüber.13
Ähnlich erzählt Bechstein von den Zinselmännchen aus einer Höhle zwischen Meschenbach und Rabenäußig. Ein Bauer traf sie in seinem Erbsenacker, wo sie lustig über die Furchen sprangen und Schoten aßen. Er erwischte ein Mützchen, das unsichtbar machte. Das Zwerglein bettelte darum und versprach ihm eine Wünschelrute. Der Bauer gab das Mützchen zurück und fand danach seinen ganzen Acker voller Ruten. Am Tag darauf war aus jeder Rute ein Baum gewachsen.14 Bechstein nennt diese Begegnung als Grund dafür, dass es dort keine Zinselmännchen mehr gibt.14
In Köln liegen die Erbsen auf der Treppe. Der in Köln geborene Ernst Weyden15 nahm die Sage 1826 in sein Buch „Cöln’s Vorzeit“ auf und vermerkte darüber, sie sei mündlich überliefert. Es sei noch keine fünfzig Jahre her, schrieb er, dass in Köln kleine nackte Männchen Brot backten, wuschen und andere Hausarbeit taten. Gesehen hatte sie niemand. Mancher Bäcker brauchte deshalb keine Knechte.16
Einem Schneider waren sie besonders gewogen. Doch seine Frau wollte die Heinzelmännchen unbedingt einmal sehen. Sie streute Erbsen auf die Treppe, damit die Kleinen fielen und am Morgen zu sehen wären. Der Plan ging schief, und trotzdem verschwanden die Heinzelmännchen für immer. Weyden gibt die Schuld dem Vorwitz der Leute, „der schon so manches Schöne in der Welt zerstört hat“. Mit klingendem Spiel zogen die Männlein aus der Stadt, zu hören, aber nicht zu sehen, und fuhren mit einem Schiff davon. Wohin, weiß niemand. Mit ihnen, so Weyden, verschwanden auch Kölns gute Zeiten.16
Zehn Jahre später erschien in den „Gedichten“ von August Kopisch das Gedicht „Die Heinzelmännchen“. Es beginnt mit den Zeilen: „Wie war zu Cölln es doch vordem, / Mit Heinzelmännchen so bequem!“ In acht Strophen helfen die Männlein Zimmerleuten, Bäckern, dem Fleischer, dem Küfer im Weinkeller und einem Schneider. Bei Kopisch fallen sie wirklich über die Erbsen und die Stufen hinunter. Als die Schneidersfrau mit Licht herbeieilt, sind alle verschwunden, und jeder muss seine Arbeit wieder selbst tun.17
Die Neue Deutsche Biographie nennt die Kölner Heinzelmännchen die wohl bekannteste Geisterfigur des Dichters und Malers Kopisch (1799–1853). Sie seien beinahe zu Volksgut ohne Verfasser geworden.18
Zu Kopischs 100. Geburtstag stiftete der Cölner Verschönerungsverein 1899 den Heinzelmännchenbrunnen. Gestaltet haben ihn der Dombildhauer Edmund Renard und sein Sohn, der Architekt Heinrich Renard. Oben steht die Schneidersfrau mit ihrer Laterne, darunter zeigen acht Reliefs die Heinzelmännchen bei der Arbeit.4 Du findest den Brunnen in der Kölner Altstadt an der Straße Am Hof.4,10
Spott und Undank. Bei Dardesheim wanderten die Zwerge aus, weil sie die Neckereien der Bauern und den Undank für ihre Hilfe nicht mehr ertrugen.9
Und Lärm. Im Erzgebirge, so die Grimms, wurden die Zwerge durch neue Hämmer und Pochwerke vertrieben. Sie klagten sehr darüber, wollten aber wiederkommen, wenn es die Hämmer nicht mehr gäbe.8
Zwerg hieß schon im Althochdeutschen twerc. Woher das Wort stammt, ist ungeklärt. Vielleicht bedeutete es „Trugwesen“ und ist mit „trügen“ verwandt.19
Wichtel ist eine Verkleinerungsform von „Wicht“.2 Das althochdeutsche wiht bezeichnete einen Kobold, eigentlich aber einfach ein Ding oder eine Sache.20
Heinzelmännchen geht auf Heinz zurück, die Koseform von Heinrich. Das Deutsche Wörterbuch kennt „Heinz“ auch als Namen eines Kobolds, der den Leuten mühelos die Hausarbeit abnimmt.21 Unter dem Stichwort Heinzelmännchen nennt es Kobold oder Hausgeist und führt als Beleg Kopischs Gedicht an.22 Warum gerade ein Vorname? Nach dem Duden glaubte man, Hausgeister ließen sich durch solche Kosenamen freundlich stimmen.23 Wehrhan führt sogar das Buch über den Hausgeist von Hudemühlen in einer Ausgabe von 1704 als „Der vielförmige Heinzelmann“ an.1
Kobold schließlich: Das Deutsche Wörterbuch vermutete, in der Endung stecke das Wort „walten“. Ein Kobold wäre dann einer, der im Haus waltet.6
Weyden hat sie gleich mitgeliefert: Neugier zerstört, was schön ist.16 Kopisch klingt wehmütiger. Seine letzten Zeilen wünschen sich die Zeit zurück, als die Heinzelmännchen noch kamen.17 Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieser Geschichten. Sie handeln von einer Hilfe, die man nicht erzwingen, nicht bezahlen und nicht belauern kann.
KI-Hinweis: Das Titelbild ist KI-gestützt. Dieser Text entstand mit KI-Unterstützung aus den genannten Quellen und wurde redaktionell geprüft.